Zombiecalypse Weihnachten

 

Hallo liebe Fans. Ich bin leider relativ spät auf die Idee einer Weihnachtsgeschichte aus dem Zombiecalypse-Universum gekommen. Seht mir also nach, dass sie nicht extern lektoriert oder korrigiert ist. Dafür ist sie aber auch »for free«. Habt Spaß damit, erfreut euch an ihr oder »what ever«. Auf jeden Fall wünsche ich euch auf diesem Wege frohe und besinnliche Weihnachten und ein gesundes Jahr 2020. Bleibt mir gewogen und freut euch schon mal auf »Zombiecalypse 4« aka »Zombiecalypse evolution« im Februar/März. (Edmond Wohlbarth spielt darin übrigens auch eine Rolle.)

Euer Andreas Kohn

Zombiecalypse Christmas - Cover

Zombiecalypse Weihnachten

Edmond Wohlbarth hasste Rituale und dennoch praktizierte er sie. Wenn er das nicht tat, so fürchtete er, würde er irgendwann dem Wahnsinn anheimfallen. Sehr weit war er sowieso nicht mehr von diesem Punkt entfernt. So war das eben, wenn man jahrelang alleine, ohne Kontakt zu anderen Menschen, vor sich hin lebt. Jedenfalls keinem Lebenden.

Obwohl er sich innerhalb des Gebäudes bewegte trug er eine dicke Daunenjacke, fingerlose Wollhandschuhe und einen langen roten Schal, den er sich um den Hals gewickelt hatte. Es war kalt. Eiskalt. Beheizen konnte er das Schulgebäude nicht. Dazu fehlten ihm einfach die Ressourcen und außerdem war es unnötig.

Heute zum Beispiel stand die Kontrolle der Klassenzimmer auf dem Programm. Eine Aufgabe, die bei nur sechs Zimmern in weniger als fünf Minuten erledigt sein würde. So schlurfte er über das abgewetzte Linoleum vom Lehrerzimmer, dass er seit fünf, sechs oder sieben Jahren sein Heim nannte, den Gang entlang und kontrollierte, ob alle Fenster und Türen verschlossen waren. In dieser Welt war es essentiell, denn eine einzige unverschlossene Tür konnte für unliebsame Überraschungen sorgen.

Wie viele Jahre genau seit dem Zusammenbruch vergangen waren konnte er nicht einmal genau sagen, denn er hatte es schon lange aufgegeben die Kalendertage auszustreichen.

Um ihn herum waren alle entweder dem Virus zum Opfer gefallen oder geflüchtet. Innerhalb nur weniger Tage hatte sich der kleine eintausendzweihundert Seelen Ort in eine Geisterstadt verwandelt, in der nur noch lebende Tote umher wanderten. Und natürlich er.

Hin und wieder kamen Plünderer in den Ort, doch viel zu holen gab es für sie nicht mehr. Dafür hatte Edmond gesorgt. In mühevoller Arbeit hatte er alle Vorräte, die er finden und gebrauchen konnte, aus den Häusern in den Keller der Schule geschafft. Er selbst hielt sich dann bedeckt, versteckte sich und wartete bis die Plünderer wieder verschwunden waren. Auf die Idee ausgerechnet in einer Schule nach Lebensmitteln oder anderem brauchbarem zu suchen, kamen diese Deppen glücklicherweise nie.

Die Lebensmittel würden für ihn jedenfalls bis zu seinem Lebensende reichen, selbst wenn er immer häufiger verdorbene Teile davon wegschmeißen musste. Allzu viel Zeit auf Erden blieb ihm jedoch sowieso nicht mehr. Dessen war er sich bewusst. Irgendwas zwischen siebzig und zweiundsiebzig Jahre zählt er jetzt vermutlich. Auf jeden Fall war er zu alt um sich noch Sorgen über die Zukunft zu machen.

»Wieder kein Schnee«, murmelte er im Selbstgespräch und schaute durch eines der großen Fenster des Flurs lange auf den leeren Schulhof – und durch ihn hindurch. »Dabei ist es doch bitterkalt.«

Das Knurren der Fünftklässler riss ihn aus seinen melancholischen Gedanken an seine Jugendzeit, als er mit seinen Brüdern den Hang an der Bergwiese auf selbstgebastelten Schlitten heruntergerutscht war. Bergwiese oder Ruckower Alpen hatten sie den Hügel genannt, weil er die bei weitem höchste Erhebung im weiten Umkreis darstellte.

»Ich komme ja schon, ihr kleinen Bestien.« Wohlbarth zog die Jacke noch einmal enger und verschränkte seine Arme hinter dem Rücken, bevor er wie immer mit gebotener Vorsicht an die Tür der fünften Klasse mit dem auf Kopfhöhe eingelassen Fenster trat.

Die zehn, elf und zwölfjährigen wichen zwar sofort ängstlich zurück, als er durch die nur wenige Quadratzentimeter große Öffnung in das halbdunkle Klassenzimmer schaute. Aber, das war schließlich nicht immer schon so gewesen. Es fiel ihm schwer sich Angewohnheiten wieder abzugewöhnen die bislang so etwas wie eine Lebensversicherung darstellten.

Einige Jahre lang hatten sie, wann immer er vor der Tür vorbeilief, angefangen wild zu randalieren, so dass er ein ums andere Mal befürchtet hatte, sie würden die Tür aufbrechen können. Schließlich ging sie nach außen zum Flur hin auf. Erst vor etwas mehr als einem Jahr hatte sich das plötzlich geändert. Warum das so war, wusste er nicht.

»Ihr Armen«, sagte er leise und das war durchaus ehrlich gemeint. »Eure Eltern werden wohl auch dieses Jahr keinen von euch abholen.« Auch wenn sich sein Kommentar nicht so anhörte, bedauerte er die zweiundzwanzig armen Seelen im Klassenzimmer sehr.

Während es allen anderen Schülern bei dem Ausbruch des Virus gelungen war ihre Klassenzimmer oder gar das Schulgebäude zu verlassen, würden diese wohl bis zu ihrer Verwesung daraus nicht mehr entkommen. So wie er das einschätzte, würde das aber erst lange nach seinem eigenen Ableben geschehen.

Kleine Monster waren sie schon gewesen, als er sie in Mathematik, Erdkunde und Deutsch unterrichtet hatte. Aber damals war das eher metaphorisch gemeint gewesen. Jetzt starrte er in zweiundzwanzig Paar, tief in ihren Höhlen liegende schwach rot leuchtende Augen und sah echte Monster vor sich. Die kleinen Körper waren abgemagert – die Haut spannte sich bereits über ihren dünnen Knochen – und dennoch verströmten sie eine unbändige Kraft. Jedes von ihnen würde ihn in der Luft zerreißen können, sollte er einem oder einer von ihnen zu nahe kommen. Ihre Schädel schienen Ausgeburten der Hölle zu sein, die Wangen eingefallen, Lippen, Nasen und Ohren bis auf klägliche Reste verkümmert. Wenn man sie überhaupt noch in Jungs und Mädchen unterscheiden wollte, dann ging das nur noch an Hand der verschmutzten und zerschlissenen Kleidung oder anhand der Reste der ursprünglichen Frisuren, die aber häufig nur noch aus wenigen strähnigen Haaren bestanden.

Ihrem ängstlichen zurückweichen traute er jedenfalls nicht. Zu oft hatte er Untote die noch lebenden im wahrsten Sinne des Wortes zerfetzen sehen.

Im Dorf hatte er nach einiger Zeit kein Problem mehr damit gehabt, die Untoten zur endgültigen Ruhe zu betten. Er beherrschte das auf vielfältige Weise. Mit einem großen Hammer auf den Schädel schlagen, ein Schuss mit seiner doppelläufigen Flinte oder einen spitzen Gegenstand durch eines der Augen ins Gehirn rammen. Wenn man erst einmal wusste wie es ging und sich etwas dabei vorsah, waren einzelne Zombies überhaupt kein Problem. Bei mehreren Gegnern sah die Sache allerdings etwas anders aus. Dann sollte man zuerst die Füße in die Hand nehmen. Dass war aber nicht der Grund, warum er die Fünftklässler nicht schon längst erlöst hatte. Zum einen waren sie schließlich eingeschlossen und damit eigentlich vollkommen ungefährlich. Zum anderen waren sie aber nun mal auch seine Schüler gewesen, ihm anvertraut und ihre Beseitigung deshalb mit einigen Skrupeln verbunden.

»Euch aufzufordern auf euren Stühlen Platz zu nehmen, hat wohl keinen Sinn. Oder?« Wortlos starrte er eine Weile in das Zimmer hinein und die Kleinen zu ihm hinaus.

»Ich verliere aber auch jedes mal«, sagte er dann resignierend und wandte sich ab um seinen Weg fortzusetzen.

Sein Blick streifte das große Bücherregal, zwischen zwei großen Fenstern gegenüber den Klassenzimmern. In Ermangelung einer richtigen Bibliothek konnten sich die Schüler früher bei Bedarf und Interesse einfach eines ausleihen. Frau Krabel hatte dafür gesorgt, dass den Schülern immer etwas Interessantes geboten wurde. Von ‚Moby Dick‘ bis ‚Sofies Welt‘ und von Jack London bis Jules Verne war alles vertreten, was Jugendliche dazu animieren konnte zu Lesen.

Edmond Wohlbarth blieb abrupt stehen, dachte nach, schaute zurück zu der Tür, hinter der sich die kleinen Monster befanden und legte dann ein feines Lächeln auf.

»Ich habe keine Ahnung ob wir schon Weihnachten haben oder es sogar schon vorbei ist. Kalt genug dafür ist es ja. Aber, wie wäre es denn, wenn ich euch etwas vorlese?« Natürlich war ihm sehr wohl klar, dass die Mini-Zombies weder ein Interesse an einer Vorlesestunde noch an Weihnachten haben würden. Aber da er sowieso nicht viel anderes vorhatte sprach auch nichts dagegen.

Aus dem Nachbarklassenzimmer holte er sich einen Stuhl, klaubte dann aus dem Regal einen großen prächtigen Bildband und setzte sich vor die Tür der fünften Klasse. Er schlug das Buch auf und merkte sofort, dass sein Vorhaben einen Haken hatte.

»Normalerweise«, sagte er, »müsste ich euch beim Vorlesen ja wenigstens sehen können. Oder ihr solltet zumindest mich sehen können. So kommt doch keine Stimmung auf und wird das nichts.«

Edmond Wohlbarth überlegte eine Weile, ob er das Risiko eingehen sollte und kam schließlich zu dem Schluss, dass ihn auf der Welt nicht wirklich noch etwas hielt. Aber Kindern etwas vorzulesen, dass war für einen Lehrer wie ihn durchaus ein Risiko wert.

Vorsichtig öffnete er die Tür einen Spalt, immer darauf bedacht sie im Notfall schnell wieder schließen zu können. Der muffige Geruch von Moder und Verwesung drang auf den Flur und kurzzeitig hatte er das Gefühl sich erbrechen zu müssen.

Die Kleinen begannen zu Knurren und Edmond Wohlbarth bekam beinahe schon kalte Füße. Doch mehr passierte nicht. Es gab offenbar eine unsichtbare Grenze, die die Zombies nicht mehr unterschreiten konnten, selbst wenn sie es noch so sehr wollten.

»Na, wenn ich das doch nur schon viel früher mal ausprobiert hätte.«

Etwas mutiger werdend trat er einen kleinen Schritt in das Klassenzimmer hinein und sofort wichen die Zombie-Kids genauso weit zurück. Dicht gedrängt standen sie in einem dreiviertel Kreis um die Ecke des Klassenzimmers mit der Tür. Vorne auf der Tafel stand mit Kreide immer noch das Thema des Aufsatzes für die kommende Unterrichtsstunde geschrieben. Auf den Tischen lagen Unterrichtsmaterial und Schulmappen, ganz so als wäre die nächste Stunde nicht mehr fern. Nur einige Stühle waren umgeworfen. Es sah genauso aus, wie, wenn er nach einer Freistunde der Kids das Klassenzimmer betreten hatte. Völlig normal. Na ja, fast, dachte Wohlbarth.

Weiter als den einen Schritt wagte es Wohlbarth aber nicht in das Klassenzimmer zu treten, sonst wären die Kids an seiner Seite wohl möglich aus dem Zimmer entkommen. Also zog er sich den Stuhl heran, ohne die Kleinen aus den Augen zu lassen, setzte sich und nahm das Buch wieder auf die Knie.

»Moment, Jungs und Mädchen. Ohne Brille geht das nicht mehr.« Langsam, ohne eine hastige Bewegung zu machen, zog er seine Brille aus der Hemdtasche unter seiner Jacke und setzte sie sich auf die Nase.

»Kennt ihr ‚A Christmas Carol‘ von Charles Dickens? Auf Deutsch heißt sie ganz einfach nur ‚Eine Weihnachtsgeschichte‘.«

Wohlbarth schlug den Bildband auf und war sofort selber erst einmal begeistert von den großformatigen Abbildungen, die den Text begleiteten. Er setzte den Zeigefinger an den Textanfang und räusperte sich. Über den Brillenrand hinweg beäugte er die Kleinen kurz noch einmal. Und wenn er es nicht besser wüsste, dachte er, dann schienen sie beinahe andächtig darauf zu warten, dass er begann.

»Erste Strophe – Marleys Geist.« Seine Stimme war tief und geradezu prädestiniert für diese Art Geschichte, fand er sogar selber. Erneut musste er sich räuspern. Sein Blick ging kurz über seine Schulter zu einem der großen Fenster auf dem Flur und plötzlich wurden seine Augenwinkel feucht. Er schluckte schwer und brauchte einige Sekunden, um seine Fassung wieder zu erlangen. Dicke weiße Schneeflocken fielen gerade ganz langsam vom Himmel. Als hätte dort oben jemand seine Flehen erhört.

Wehmütig schaute er ihnen einige Sekunden lang dabei zu und beinahe glaubte er nun auch noch den Geruch von Mandeln und Plätzchen wahrzunehmen. Dann nickte er mehrmals, konzentrierte sich wieder auf das Buch in seinem Schoss und setzte von neuem an: »Erste Strophe – Marleys Geist. Marley war tot, damit wollen wir anfangen. Kein Zweifel kann darüber bestehen….«

ENDE