Zombiecalypse 2 – Leseprobe

(unlektoriert)

1

Tag 1418, Mersin, Türkei, Mittelmeer

Seit Monaten hatte er, trotz seines Woodsten-Senders im Rucksack, einen Bogen um möglichst jede größere Ansammlung von Gebäuden gemacht. Auch wenn sie ihm nicht viel anhaben konnten, empfand er den Anblick von in Massen umher trottenden Zombies einfach als zu deprimierend.

Solche Millionenstädte wie Jodphur, aus der er seinen Weg zurück nach Großbritannien suchte, mied er aus diesem Grund sowieso. Nur, langsam musste er sich um Nachschub für seinen Sender kümmern. Er wollte nur ungern austesten, ob das Mittel das er sich gespritzt hatte, hielt, was sie sich davon versprochen hatten. Noch funktionierte der Sender und eine Reservebatterie gab es auch noch. Aber in spätestens zwei Wochen würden alle Zombies in seiner Nähe ihn nicht mehr ignorieren und Regungslos verharren, wenn er an ihnen vorbeikam. Dann würden sie Jagd auf ihn machen.

Eine große Hoffnung, dass es in Bristol anders aussehen würde als hier, hatte er zwar nicht. Aber wenn er sich aussuchen konnte, wo er sein restliches Leben verbringen wollte, dann waren es wohl am ehesten die heimatlichen Gefilde. Außerdem gab es trotz allem die geringe Chance, Reste von Zivilisation vorzufinden, mit der er etwas anfangen konnte.

Ziemlich genau die Hälfte seines Weges hatte er nun hinter sich gebracht. 3.500 Kilometer zu Fuß, mit einem Auto und zuletzt mit einem Fahrrad, quer durch den Iran, den Irak, Syrien und den Libanon bis an die Küste des Mittelmeers. Er könnte mächtig Stolz auf sich und seine Leistung sein. Denn wenn ihm vor der Apokalypse jemand gesagt hätte, dass er dazu fähig sein würde, hätte er ihm wohl den Vogel gezeigt.

Nun war er nur noch ein paar Kilometer von Mersin in der Türkei entfernt. Dort hoffte er irgendwo ein kleines Boot zu finden, dem er sich auch anvertrauen konnte. Was er bis jetzt so gefunden hatte, entsprach entweder nicht seinem Mindestanspruch an Sicherheit oder war schlichtweg zu groß als das er damit hätte umgehen können.

Abgesehen von der ausgebrannten Tankstelle, die er vor ein paar hundert Metern passiert hatte, machte vor ihm auf den ersten Blick alles einen ganz normalen Eindruck. Nirgendwo brannte es und selbst der sonst übliche Leichengeruch war aufgrund des starken Unwetters Tags zuvor und der Küstennähe nicht zu spüren. Vom Meer aus wehte eine stete Brise in Richtung Inland.

Es wurde Zeit. Resignierend zuckte er mit den Schultern, schwang sich wieder auf das 50er Jahre Damenrad und rollte langsam auf der asphaltierten Straße den Ausläufern des Vororts von Mersin entgegen. Vielleicht hatte er ja Glück und er fand schon hier ein kleines Elektronikgeschäft oder besser noch einen Supermarkt. Dann konnte er gleich auch noch seinen Vorrat an Konserven etwas aufstocken.

Auf der rechten Seite der Straße passierte er die ersten ein- und zweistöckigen Wohnhäuser. Die ehemaligen Einwohner waren aber weit und breit nicht zu sehen. Hinter den Häusern und auf der anderen Straßenseite gab es nur Felder, soweit das Auge reichte.

»Sonst lungert doch immer der eine oder andere von euch Zombies an solch einem Ort herum«, murmelte er gerade vor sich hin, als ihm unvermittelt genau ein solcher vor das Rad lief. Das war die größte Gefahr, dass er nämlich einen Zombie übersah und der Sender noch nicht wirkte. Maximal zwanzig Meter weit reichte der Einfluss des Woodsten-Gerätes. Und zehn bis zwanzig Sekunden brauchte es, bis das Virus in den Gehirnen der Untoten seine Aktivität auf ein Minimum reduziert hatte.

»Du bist einer von der ganz hässlichen Sorte, oder?« Er hatte sich zur Seite fallen lassen und still gehalten bis der untersetzte Zombie die Arme baumeln ließ und den Kopf etwas schief legte, als würde er lauschen. Seine ganze rechte Seite war schwarz verkohlt. Die Haut hing ihm an mehreren Stellen in großen Fetzen vom Körper und die Knochen des rechten Arms und seine ganze rechte Schädelseite lagen nahezu blank. Deutlich konnte er eine ganze Reihe goldener Kronen in seinem Gebiss erkennen.

»Sieht so aus, als hätte dich jemand mit einem Flammenwerfer einseitig gegrillt.« Dann fiel ihm die Tankstelle wieder ein und er nickte verstehend.

Die Bewegung rechts von sich nahm er zunächst nur aus den Augenwinkeln wahr und da sie weit weg zu sein schien, war sie im Moment für ihn noch von geringerem Interesse als der Zombie direkt vor ihm. Erst als das laute Gebrüll seine Ohren erreichte, wendete er irritiert den Kopf. Und der Anblick ließ beinahe das Blut in seinen Adern gefrieren. Aus Richtung des Hafens rannten zwei Zombies wild gestikulierend auf ihn zu. An diesem Bild stimmten gleich mehrere Dinge nicht. Zum einen – Zombies rannten nicht. Auch wenn diese mit ihren schnellen kurzen Schritten im Moment nicht schneller waren als ein hastender lebender Mensch, bewegten sie sich dennoch viel zu agil. Dass sie ihr Gleichgewicht mit rudernden Armen auszutarieren suchten gehörte ebenso zu dieser Agilität, die er noch nie an einem Zombie gesehen hatte. Und er hatte in Jodphur hunderttausende von ihnen gesehen. Die Krönung war jedoch das laute Brüllen. Zombies wimmerten bestenfalls. Das hörte sich zwar im Verbund von hunderten oder tausenden von ihnen an, als würde eine Sirene ihr Heulen in die Welt schicken. Aber daran konnte man sich sogar gewöhnen, wie er an sich selber erlebt hatte. Man blendete es irgendwann einfach wie einen Tinitus aus. Oder besser, man lernte damit zu leben. Der Gedanke, dass er anderthalb Jahre über einer brüllenden viel tausendköpfigen Menge gelebt hatte, ließ ihn gelegentlich noch im Nachhinein schlecht werden.

Er war so irritiert und fasziniert von dem Anblick, dass er keine Anstalten machte sich in Sicherheit zu bringen. Vielleicht auch, weil er auf die Fähigkeit des Woodsten-Senders vertraute. Der Zombie vor ihm war ja schließlich auch erstarrt.

Es war ihm unbegreiflich, wie sich diese Untoten noch auf den Beinen halten konnten. Sie trugen beinahe mehr Kleiderfetzen als Fleisch an ihren Körpern. Er lachte etwas irre. Wie sich Untote überhaupt noch bewegen konnten, war ja wohl die eigentliche Frage. Auch wenn er die Gründe kannte, dass – wie – war selbst ihm als Biochemiker immer noch ein Rätsel.

Bis auf zwanzig Meter kamen die Biester heran und er konnte immer mehr Details ausmachen. Die Augenhöhlen zum Beispiel waren schwarz wie die Nacht. Keine Augäpfel mehr. Lippen und Ohren – Fehlanzeige. Die wenige Haut an den Körpern spannte sich wie Pergamentpapier um ihre Knochen.

Als sie die zehn Meter Marke unterschritten und keine Anstalten machten langsamer zu werden, wurde ihm aber doch langsam mulmig. Auf allen Vieren kroch er rückwärts, weg von seinem Fahrrad und dem einzelnen Zombie, mit dem er kollidiert war. Aber mit jedem Meter den er versuchte davon zu kriechen, kamen die beiden Schauergestalten dennoch zwei Meter näher. Da sie überhaupt nicht auf den Woodsten zu regieren schienen, war es nur noch eine Frage von wenigen Sekunden, bis sie über ihn herfallen würden.

»Wäre nicht schlecht, wenn du langsam mal deinen Arsch hochbekommen könntest, Alter«, hörte er hinter sich eine Bass-Stimme auf Deutsch sagen. Neben seiner Muttersprache, hätte er das aber auch auf Französisch, Paschtu und Arabisch verstanden.

An ihm vorbei, trat ein beinahe genauso breiter wie großer Kerl in zerschlissenen Jeans, Lederweste und schmutzig braunem kurzärmeligen T-Shirt. Hinterkopf und Gesicht wurden durch Massen an ungepflegtem schwarzen lockigem Haar verdeckt. Völlig übertrieben wirbelte er ein sehr breites und sehr langes Messer in seiner Rechten durch die Luft. Es war weder ein typischer Krummsäbel, wie er ihn in dieser Gegend am ehesten erwarten würde. Noch eine Art Kavalleriesäbel. Es sah eher wie eine südamerikanische Machete aus, mit der man sich selbst durch den dichtesten Dschungel kämpfen konnte.

Dann, ohne dass er ihm das von der Statur her zugetraut hätte, trat er dem linken heraneilenden Zombie seinen mit Stahlkappen bewehrten Cowboystiefel gegen die Brust und trieb ihn so mehrere Schritte weit zurück. Gleichzeitig zog er die Machete mit einer schnellen und kurzen Bewegung von links nach rechts durch die Luft und trennte mit einem einzigen Hieb dem anderen Zombie den Kopf von den Schultern. Noch bevor der Schädel am Boden zur Ruhe kam, wirbelte der Kerl seinen eigen Körper in die entgegengesetzte Richtung und drei kurze Schritte weit nach vorne. Und wieder sauste die Klinge auf einen Zombie zu. Diesmal traf er den Untoten eher auf Höhe der Ohren. Als gäbe es überhaupt keinen nennenswerten Widerstand, teilte er die fast haarlose runde Knochenkugel auf seinem Hals waagerecht in der Mitte in zwei Hälften. Beide Zombies standen einen Augenblick wie erstarrt, als könnten sie sich nicht entscheiden, ob sie nun endgültig tot waren oder noch weiter laufen sollten. Sie ließen ihre Arme sinken, fielen fast synchron auf ihre Knie und kippten dann wie Bowlingpins einfach zur Seite.

2

Tag 0, Jodphur, Bundesstaat Rajasthan, Indien

»Wo sind denn nun schon wieder alle hin?« Simon Stansfield hatte nur seinen Kopf durch einen schmalen Spalt in das Labor gesteckt und schaute fragend zu seinem einzigen britischen Kollegen, Justin Ward. Ward zog die Hände aus den dicken Gummihandschuhen, die ein sicheres Arbeiten in dem Glaskasten ermöglichten und schloss zusätzlich die beiden Dichtungsklappen davor, bevor er sich dem Blondschopf zuwendete. Anschließend aktivierte er den Sender, der das Virus im Umkreis von einigen Metern lähmte. Sicherheit war in diesem Labor oberstes Gebot. Der Kontrollblick zur Anzeige, dass der Sender aktiv war, gehörte ebenso dazu. Erst dann wendete er sich seinem Kollegen zu.

»Was erwartest du den an einem Feiertag? Du weißt doch, wie gerne die Inder jede Gelegenheit zum Feiern ausnutzen. Die sind natürlich alle unten in der Stadt und schauen den Festumzügen zu.«

»Verdammt. Das bringt meine ganze Planung durcheinander.« Stansfield zog die Nase kraus und schaute dann auf seine Armbanduhr. »Dann wird das heute wohl nichts mehr.«

»Wieso? Was ist denn los?«

»Ich habe gerade eine Nachricht aus London bekommen, dass wir bereits bis zum Ende der Woche unsere Zelte hier abbrechen sollen. Alle Proben sind zu versiegeln und einem Kommando vom SAS zu übergeben. Dabei hatte ich gehofft, dass wir bis dahin trotzdem noch eine weitere Versuchsreihe absolvieren können. Ich bin da einer heißen Sache auf der Spur.«

»Wir können endlich wieder nach Hause?« Ward war nicht motiviert genug von seiner Arbeit um das Dilemma seines Kollegen wirklich ernst zu nehmen. Sie waren bereits wenigstens die fünfte Generation von Forschern, die sich an den Proben des Tunguska-Meteroiten die Zähne ausbissen. Warum sollte es ihm ausgerechnet jetzt gelungen sein tatsächlich einen neuen Ansatz zu finden? Das außerirdische Virus trotzte bereits seit Jahrzehnten jedem Versuch ihn verstehen zu können. Jedes Mal, wenn sie meinten einen Durchbruch erreicht zu haben, schien es sich von selbst zu modifizieren und noch gefährlicher zu werden. Die ursprüngliche Idee es als Waffe gegen die Nazis in Deutschland einzusetzen war natürlich längst nur noch Teil der historischen Akten ihrer Forschung. Die Idee war, den Gegner durch die rasante Verbreitung praktisch willens- und antriebslos zu machen. Dummerweise machte das Virus auch vor Landesgrenzen nicht halt. Und jeder Versuch die eigene Bevölkerung mit einem Gegenmittel zu immunisieren war bislang fehlgeschlagen. Also hatte es bis zum Kriegsende gar nicht erst eingesetzt werden können. Doch die Forschung ging danach trotzdem weiter. Es stellte sich heraus, dass es sich im Verlauf der Zeit verändert hatte. Es wurde immer aggressiver und damit auch gefährlicher. Deshalb verlagerte man die Forschungen daran, soweit weg wie möglich. Immerhin hatten sie herausgefunden, wie man das Virus in einem eng begrenzten Raum praktisch deaktivieren konnte.

»Du bist ein Arsch, Justin«, beschwerte sich Stansfield. »Ich rede hier davon, wie wir unsere Arbeit mit einer phänomenalen Idee neues Leben einhauchen können und du denkst nur daran, wie du wieder nach Hause kommst?«

»Komm mal wieder runter. Du willst wieder mit deinen Frequenzen spielen. Das ist doch nichts Neues. Das hat Woodsten doch schon in den sechzigern nachgewiesen, dass das nicht funktionieren kann. Das Virus reagiert nur auf 1412 Megahertz.«

»Mag sein. Wir wissen aber, dass die Entfernung zum Sender ebenfalls eine Rolle spielt. Nicht die Sendeleistung ist entscheidend, sondern der Abstand.«

»Was eigentlich Schwachsinn ist, wenn es tatsächlich auf die Frequenz ankommt.« Es war nicht so, dass Ward nicht begeisterungsfähig für ihre Arbeit gewesen wäre. Anfangs hatte er sich voller Elan in die Aufgabe gestürzt. Mittlerweile hatte diese Motivation aber der ernüchternden Realität Platz gemacht, die Erfolglosigkeit nun mal mit sich bringt. Der Gedanke, den sein Kollege ohne ihn auszuformulieren präsentierte, schien aber tatsächlich etwas Neues zu sein. Das war etwas, das sie noch nicht getestet hatten. Anstatt dem Virus mit immer neuen chemischen Verbindungen auf den Leib zu rücken, es mit Strahlung unterschiedlicher Intensität und aus variablem Abstand zu bombardieren.

Nachdenklich kratzte er sich den Hals und stellte sich Gedanklich schon einmal einen Versuchsaufbau vor, in dem ein VHF-Sender auf Schienen mit wechselnden Abständen eine der Proben bestrahlte.

»Wir brauchen auf jeden Fall Sriram als Elektronik-Spezialisten und Nanda mit seinen handwerklichen Fähigkeiten.«

»Wirklich Nanda? Der Kerl ist mir nicht geheuer.«

»Aber er ist der Beste. Geradezu ein Genie, wenn es darum geht, aus dem was wir haben einen funktionierenden Versuchsaufbau zu konstruieren.«

Justin Ward nickte. Der ältere Inder hatte sicherlich seine Macken. Außerdem sah er mit seinen dunklen Augenhöhlen und dem wirren weißen Haar geradezu gruselig aus, wenn man ihm unvorbereitet gegenübertrat. Während alle anderen Inder im Labor ihren für Sikh traditionellen Dastar trugen, versteckte er sein Haupthaar überhaupt nicht. Die Briten hatten nie herausgefunden, warum das so war. Dennoch hatte Ward noch nie jemand anderen kennengelernt, der aus einem halben Dutzend Gabeln und etwas Schnur einen Greifkran konstruieren konnte, ohne sich vorher eine Konstruktionsskizze anzufertigen. Was auch immer er baute, funktionierte am Ende.

»Meinst du, wir kriegen das noch hin? Samstag? Das sind nur noch vier Tage.«

»Wenn wir uns ran halten? Sicher.«

»Und wenn wir ein Ergebnis vorweisen können, mag es auch noch so klein sein, gewährt man uns sicherlich noch ein paar Tage für extra Versuchsreihen.«

3

Tag 0, Jodphur, Bundesstaat Rajasthan, Indien

Nanda Kumari verstand nichts von dem was die Briten hier in der Festung von Jodphur seit Jahren veranstalteten. Man sagte ihm, was er bauen sollte und er baute es. So einfach war das. Luftdichte Glaskästen genauso wie ein Bücherregal oder jetzt eben einen auf Schienen beweglichen Wagen den langen Flur hinab.

Bis auf dreißig Meter Abstand zu einem der Glaskästen wollten die beiden Briten dieses Miniwägelchen bewegen können. Wenn möglich Fernsteuerbar mit einem Elektromotor. Diesen Zahn hatte er ihnen aber gleich ziehen müssen. Er war Handwerker, kein Elektrotechniker. Außerdem gab es da schließlich noch Mani, den Küchenjungen. Der würde für ein paar Rupien ohne Unterlass den von der Decke hängenden Wagen an einer Schnur den Flur auf Zuruf hinauf und hinunterziehen.

»Hast du schon eine Idee, wie du das realisieren kannst, Nanda?«

»Kein Problem, Sahib. Ihr sagt, ich kann dafür benutzen, was ich will?«

»Kannst du, Nanda. Wenn das nicht funktioniert, sind unsere Tage hier sowieso gezählt.«

Nanda hatte nicht sofort verstanden, was der blonde Brite damit meinte. Das ging ihm erst sehr viel später auf. Deshalb machte er sich sofort daran seine Idee in die Tat umzusetzen.

Früher hatten in dem von der britischen Regierung angemieteten Bereich der Festung Meherangarh fast fünfzig Ausländer und über hundert Inder gearbeitet. Davon war heutzutage nicht mehr viel übrig. Die meisten Räume waren verwaist. Die Büros waren leergeräumt, die Labore zum Teil sogar versiegelt. Warum auch immer. Einzig die riesige Kantine sah noch genauso aus wie zehn Jahre zuvor.

Nanda hatte sich an den Eingang gestellt und mit den Fingern die Reihen der Tische abgezählt. Als er bis vierzig gezählt hatte und immer noch nicht am Ende angekommen war, hatte er zufrieden genickt und sofort angefangen die metallenen Tischbeine abzuschrauben. Ein paar Stunden lang amüsierte er sich dann darüber, wie die beiden immer mal wieder vorbeischauenden Briten ihn verständnislos bei der Arbeit zuschauten. Erst als er begonnen hatte seine Konstruktion an die Decke des langen Flurs zu schrauben, ging ihnen endlich ein Licht auf.

»Das ist genial, Nanda. Im Westen hätte man erst eine Arbeitsgruppe einberufen, die darüber entschieden hätte, wer für die Fehler verantwortlich wäre, die unweigerlich gemacht werden würden. Und du … ?«

Der Brite Ward hatte seine Fäuste in die Hüften gestemmt und fassungslos an die Decke geschaut. Dabei hatte Nanda einfach nur die Sitzschalen von den Freischwingerstühlen abmontiert und die U-förmig gebogenen Rohre an die Decke geschraubt. Alle fünf Meter einen. Dann die Tischbeine ineinander gesteckt und auf diese Weise zwei dreißig Meter lange stabile Eisenrohre nebeneinander auf diesen Us mit ein paar Schweißpunkten als Schiene fixiert.

Als beweglicher Teil der Konstruktion hatte er ein weiteres Stuhluntergestell eingehängt und eine Platte für das Gerät der Briten darauf montiert. Fertig war ein Gleitschienen-System á la Nanda. Er musste am Ende lediglich noch etwas Fett auf die Schiene schmieren und ein Gewicht auf dem beweglichen Teil oben aufsetzen, damit er in der Spur blieb.

»Was meinte Sahib Stansfield damit, dass unsere Tage hier bald gezählt sind.«

»Hast du das nicht mitbekommen?« Ward war das unangenehm. Faktisch war Stansfield der Leiter des Labors. Und in dieser Eigenschaft hatte er den indischen Mitarbeitern am Morgen gleich reinen Wein eingeschenkt. Natürlich war keiner von ihnen sonderlich begeistert gewesen.

Aber ganz offensichtlich hatte man vergessen, auch Nanda über die Neuigkeiten zu informieren. Nun sollte er dem Mann, der in so kurzer Zeit dieses technische Kunstwerk aus beinahe Abfall geschaffen hatte, sagen, dass er möglicherweise in zwei Tagen arbeitslos sein würde? »Wir werden, wenn nicht noch ein Wunder geschieht, die Einrichtung am Samstag schließen müssen«, erklärte er dem Inder, weil er meinte, dass er es verdienen würde die Wahrheit zu kennen.

Wie vom Donner gerührt starrte Nanda den Briten an. »Das ist nicht gut, Sahib. Wo soll ich denn dann hin?«

»Mit deinen Fähigkeiten, Nanda, fällt die bestimmt schon etwas ein.« Verärgert schaute er zu Stansfield, der erst jetzt hinzukam und die Arbeit Nandas mit einem wohlwollenden Klopfen auf dessen Schultern quittierte. Dass dieser gerade den Kopf und die Schultern resigniert hängen ließ, fiel ihm nicht auf.

Und zu seinem Kollegen raunte er leise: »Wir hätten den Sender aber auch auf einen Teewagen montieren können.«

Ward schaute Stansfield böse an. »Du hast von einem Schienensystem gesprochen. Nanda hat nur gebaut, was du ihm aufgetragen hast.«

»Ach, ist doch egal«, winkte Stansfield ab. »Ist doch sehr schön geworden. Legen wir gleich los?«

Einige indische Hilfskräfte hatten am Ende des Flurs einen Tisch postiert auf dem ein Glaskasten mit einer Probe des Tunguska-Materials stand. Dahinter standen ein Stuhl und ein Mikroskop. Der Plan war praktisch live infizierte Blutproben dabei zu beobachten, wie sie auf unterschiedliche Frequenzen bei unterschiedlichen Abständen reagieren würden. Dass im Bereich von null bis zwanzig Meter und 1412Mhz das Virus praktisch deaktiviert wurde, war ja schon lange bekannt.

Unter normalen Umständen wäre der Versuchsaufbau schon aus Sicherheitsgründen indiskutabel gewesen. Der Flur hätte bei der Arbeit mit biologischen Komponenten eigentlich eine hermetisch abschließbare Räumlichkeit sein müssen.

Das alles war dem Zeitdruck geschuldet, in allerletzter Sekunde noch ein vorzeigbares Ergebnis präsentieren zu können. Über ihr Intranet standen sie mit anderen Versuchslaboren überall auf der Welt in Verbindung und einige warnten eindringlich davor, die Tests unter diesen Umständen überhaupt durchzuführen. Andere wiederum waren von der Idee ganz begeistert und warteten mit Spannung auf die Ergebnisse.

Da sich das Virus in geringer Konzentration auch über die Luft verteilte und bei Kontakt mit Blut sofort explosionsartig vermehrte, musste Ward die vorbereiteten kleinen Proben menschlichen Blutes nur kurz durch eine Mini-Schleuse in den Glaskasten legen und wieder herausnehmen. Natürlich waren die Proben selbst in den Phiolen luftdicht verschlossen. Das Mikroskop wiederum besaß einen eigenen luftdicht verschließbaren Kasten. Nach menschlichem Ermessen konnte eigentlich nichts schief gehen.

Weder Stansfield noch Ward erwarteten sofort auch nur so etwas wie eine Spur zu finden. Deshalb waren sie ziemlich überrascht, dass bereits beim zweiten Versuch eine dramatische Veränderung bei einer der Blutproben eintrat.

»Ist das zu fassen? Hier verändern sich die weißen Blutkörperchen. Und sie beginnen sofort heftig gegen das Virus vorzugehen.« Ward rückte etwas vom Mikroskop ab, um seinem Kollegen einen Blick hindurch zu ermöglichen. Stansfield brauchte nicht sehr lang, um die Aussage seines Kollegen mit einem Kopfnicken zu bestätigen. Durch das Okular konnte er deutlich sehen, wie die Leukozyten sich gierig auf das Virus warfen, einschlossen und sich sofort dem nächsten zuwandten. Etwas, dass so noch nie beobachtet wurde. Sonst gingen die körpereigenen Abwehrzellen gegen das Virus weitestgehend moderat zur Sache. Das half gegen geringe Mengen des Virus. Aber nicht gegen eine massive Infektion.

»Schalte mal den Sender ab und infiziere eine frisch befallene mit dieser Probe. Wenn die Leukozyten ihre Arbeit fortsetzen, haben wir bereits einen Impfstoff.« Stansfield grinste von einem Ohr zum anderen.

»Aber wieso scheinen die Leukozyten verändert zu sein? Nicht das Virus. Das ist doch unlogisch.«

»Möglicherweise hat die Strahlung das Virus einen Stoff absondern lassen, den die weißen Blutkörperchen dann aufgenommen und umprogrammiert haben. Über die Ursachen können wir ja jetzt, denke ich, später weiterforschen. Wichtig ist zunächst, dass wir das Ergebnis mehrfach reproduzieren können und dann nach London melden.«

»Mani. Zieh den Schlitten noch einmal zwei Meter weiter zurück«, rief er dem Küchenjungen zu, der in gut zehn Metern Entfernung artig auf die nächste Anweisung wartete. Sofort zerrte er an der Kordel, die Nanda an dem Schlitten angebracht hatte. Doch nach nur wenigen Zentimetern blieb er auf seiner Schiene hängen und alles zerren des Jungen blieb erfolglos.

»Warte«, sagte Stansfield und hastete hinüber. Er war nicht einmal böse auf den Jungen, dass er es nicht vermochte die nur drei oder vier Kilo schwere Apparatur zu ziehen. Im Gegenteil. Durch den unerwartet schnellen Erfolg schwebte er geradezu auf einer Welle des Glücks. Er war groß genug um nach oben langen zu können und den Schlitten auf der Schiene ein wenig anzuheben damit er über einen winzigen Grat rutschen konnte. Sofort verschwand der Widerstand, der Mani daran gehindert hatte das Teil weiterzuziehen. Stansfields Hand schrammte dafür an einer der Schweißnähte vorbei.

»Verdammt«, fluchte er laut. »Hab mich an der Handwurzel gekratzt. Das blutet vielleicht.« Stansfield nahm die Hand an den Mund und saugte die wenigen Tropfen, die aus dem kleinen Riss austraten, sofort ab. Mit der anderen Hand scheuchte er den Küchenjungen weg, der sofort besorgt näher getreten war. »Hol ein Pflaster Mani«, presste er nuschelnd hervor. »Verstehst du? Ein Pflaster aus einem der Notfall-Sets.«

Mani nickte, drehte sich um und verschwand in Richtung eines der Labore, die noch in Betrieb waren. Dort lief die tägliche Routine der indischen Angestellten weiter, die pausenlos Blutproben mit allen möglichen chemischen Substanzen bearbeiteten. Zwei Tage vor der endgültigen Abwicklung des Labors eigentlich eine hirnrissige Tätigkeit. Vor allem, weil sie jetzt auf eine völlig andere Art den Durchbruch erreicht hatten. Aber, solange das britische Empire ihre Arbeitszeit bezahlte, wollten Stansfield und Ward ihnen die verbleibenden Rupien auch nicht vorenthalten.

Als Mani die Tür öffnete, tönte lautes indisches Geschnatter auf den Flur. Offenbar war dort eine rege Diskussion im Gange, von der sie bislang nichts mitbekommen hatten.

»Was ist denn da los?«, rief Ward.

»Weiß nicht.«

Immer noch mit der halben Hand im Mund folgte Stansfield Mani und erstarrte. Er hatte gedacht, dass die Belegschaft sich über das Ende ihrer Anstellung aufregte. Aber weit gefehlt. Offenbar machten mehrere der Inder einem ihrer Kollegen gerade vorwürfe, weil er ein Tablet fallengelassen hatte. Auf dem Boden lagen dutzende der Phiolen, wie sie selber sie gerade benutzten. Und etliche davon waren zerbrochen. Automatisch ging sein Blick zur Leuchtanzeige des Woodsten-Senders und er erbleichte. Die Anzeige stand auf OFF. Das Virus konnte im Moment aktiv werden und er stand hier mit einer offenen und blutenden Wunde.

Er ließ den Arm sinken und wollte etwas sagen. Doch seine Stimme versagte ihm den Dienst. Das letzte was er noch bewusst dachte, war: »So eine Scheiße.«

4

Tag 1418, Mersin, Türkei, Mittelmeer

»Alles klar bei dir?« Der Kerl entsprach dem Klischeebild eines Rockers bis auf das i-Tüpfelchen. Als er sich zu ihm umdrehte, klimperten die vielen Ketten um seinem Hals wie ein Haufen Münzgeld in einem Portemonnaie. Auf die Lederweste waren sogar alle möglichen einschlägigen Symbole genäht. Einschließlich eines riesigen Adlers auf dem Rücken, der ihn als Fan der Marke Harley Davidson auswies.

»Mir geht es gut. Ich glaube aber nicht, dass es wirklich nötig gewesen wäre. Aber dennoch – Danke.«

»Du meinst, weil du einen von unseren Sendern trägst? Vertrau den Dingern nicht, wenn Zombies auf dich zugerannt kommen. Die brauchen offenbar sehr viel länger, bis sie den Drang dich fressen zu wollen verlieren. Wenn überhaupt.«

»Einen von euren? Wieso von euren? Die Woodsten Sender gibt es schon lange.«

»Woodsten? Ich meine die VHF-Sender die wir entwickelt haben.«

»Vielleicht gebaut. Aber nicht erfunden.«

»Willst du mit mir darüber streiten? Ich kenne den Erfinder persönlich.«

»Harold Woodsten? Dafür bist du etwas zu jung, mein Freund.«

Sein gegenüber zog mehrfach scharf die Luft ein und verengte für einen Augenblick seine Augen zu schmalen Schlitzen. Dann nickte er.

»Okay. Vielleicht gibt es ja mehrere Leute, die dasselbe erfunden haben. Was ich damit sagen wollte, pass auf, wenn sich dir die neue Generation von Zombies nähert.«

Der Themenwechsel passte ihm ganz gut. Er hatte nämlich keine Ahnung wie er ohne Gesichtsverlust aus der Sache hätte herauskommen können. In doppelter Hinsicht, wenn er an die beiden geköpften Zombies dachte.

»Ja die sind anders. Ist mir aufgefallen. Ich wusste ja, dass das Virus sich gelegentlich verändert. Aber normalerweise ist dazu ein äußerer Reiz notwendig, der ihn dazu zwingt Gegenmaßnahmen zu ergreifen.«

»Du sagst das so, als ob du dich näher damit beschäftigt hättest.«

»Habe ich. Ziemlich intensiv sogar.«

Dass er während des Ausbruches mittendrin und sogar aktiv daran beteiligt gewesen war, verschwieg er aber nicht ohne Grund. Der dicke Kerl vor ihm machte nicht den Eindruck, als würde er bei der Schuldfrage für die Apokalypse sonderlich differenziert urteilen. Vermutlich würde er beim ersten Anzeichen seiner Beteiligung Rache nehmen wollen. »Wir haben versucht ein Gegenmittel zu finden.«

»Wie man sieht, ohne Erfolg.« Der Rocker zeigte mit seiner Machete in die Runde. »Und nun steh endlich mal auf. Ich bin Emre. Und du?« Der Mann, der sich Emre nannte, reichte ihm die Hand.

»Justin. Justin Ward.« Justin packte den Unterarm des Rockers und ließ sich hochziehen. »Wo kommst du so plötzlich her? Nicht, dass ich mich beschweren will. Schließlich bist du genau im richtigen Augenblick aufgetaucht.«

»Die neuen Zombies haben vor ein paar Tagen meine Leute überfallen.«

»Alle … tot?«, fragte Ward vorsichtig.

»Das vielleicht nicht. Wir hatten ein paar ausgeklügelte Fluchtmöglichkeiten vorbereitet. Aber erst einmal sind sie in alle Winde verstreut. Aber jeder weiß, wo er jetzt hingehen muss, um in Sicherheit zu sein.«

»Diese neuen Zombies sind ungewöhnlich.«

Emre nickte. »Und hoch ansteckend. Sie lassen sich praktisch nicht durch einen Sender aufhalten. Sind wahnsinnig schnell und wie es scheint, sogar sehr viel intelligenter als ihre Vorgänger. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das neue Virus auch eine wirklich große Horde übernimmt.«

»Man sollte diese Viecher so schnell wie möglich von ihrem untoten Leben befreien.«

»Ein Freund von mir würde jetzt einwenden, dass auch diese Kreaturen einmal Menschen gewesen sind und man ihnen auch nach ihrem Tot noch mit Respekt begegnen müsste.« Einen Augenblick lang zeigte Emre einen etwas wehmütigen Gesichtsausdruck. Dann verzog er die Lippen zu einem breiten Grinsen und machte dazu eine wegwerfende Handbewegung, als könne er selbst dieser Meinung wenig abgewinnen.

»Lass mich raten. Diese Einstellung hat ihn mittlerweile selbst das Leben gekostet?«

»Erstaunlicherweise – Nein. Er leitet jetzt eine Enklave, die auch vor diesen Kreaturen weitestgehend sicher sein dürfte. Und genau da will ich jetzt hin, um wieder mit meinen Leuten zusammenzukommen.«

»Ist das weit von hier?«

»Nur so etwa dreitausend Kilometer in nordwestlicher Richtung«, sagte Emre grinsend.

Ward überlegte. »Deutschland?«

»Berlin. Berlin-Spandau um genau zu sein.«

5

Tag 0, Jodphur, Bundesstaat Rajasthan, Indien

Mani verstand nicht so recht, was hier gerade passierte. Er war zwar nur ein Küchenjunge – was hieß, dass er die ganze Drecksarbeit zu erledigen hatte. Aber auch so einen Job bekam man bei den Briten nicht, wenn man nicht etwas in der Birne hatte. Deshalb duckte er sich blitzschnell, als der blonde Brite, der ihn eben erst noch nach einem Pflaster gefragt hatte, mit einem Mal gierig anschaute und zu packen versuchte. Aus seinen Mundwinkeln floss unkontrolliert Speichel, was ihn aber nicht weiter zu kümmern schien. Im Gegenteil. Er schien sich vielmehr dafür zu interessieren jemanden in die Hände zu bekommen. Irgendjemanden. Denn kaum war Mani unter den verkrampften Fingern des Briten hindurch getaucht, wendete er sich auch schon Harinder Hari zu. Harinder war nur wenig älter als er, vielleicht sechzehn oder siebzehn. Und er tat dasselbe wie Mani, nur eben für die Laborheinis. Die Drecksarbeit. Gerade hockte er am Boden, um mit spitzen Fingern so viele der heruntergefallenen Gläschen zurück auf das Tablett zu packen, bevor er dem Rest später mit einem Handfeger zu Leibe rücken würde. Da packte ihn der Brite mit einer Hand in das dichte schwarze Haar und zerrte ihn zu sich nach oben. Harinder schrie vor Schmerz und langte mit seinen beiden Händen an seinen Hinterkopf, um irgendwie den festen Griff zu lösen. Doch dann ging alles wahnsinnig schnell. Der Brite hatte nicht nur seine Augen unnatürlich weit aufgerissen. Deutlich waren auf den weißen Augäpfeln viele geplatzte Äderchen zu erkennen. Die Pupille dagegen hatte an Farbe verloren. Das strahlende blau wurde wie im Zeitraffer milchig grau. Dass Mani dem wahnsinnigen Blick des Mannes einen Augenblick lang mehr Bedeutung beimaß, als allem anderen, hatte wohl damit zu tun, dass er nicht wahrhaben wollte was jetzt gerade passierte. Der Brite hatte Harinders Kopf weit nach hinten gebogen und seinen weit aufgerissenen Kiefer auf seine Kehle gesenkt. Harinders Schrei verstummte zu einem Röcheln, als Manusharakshasa höchstpersönlich die Handlung des Sahibs bestimmte. Das schmatzende Geräusch, als der Brite dem armen Harinder den halben Hals herausriss und nur eine klaffende und blutende Wunde zurückließ, würde Mani seinen Lebtag nicht mehr vergessen.

Damit war der Schrecken aber noch lange nicht beendet. Während Harinder Haris Körper leblos zu Boden sank, wendete sich das blutverschmierte Gesicht des Briten dem halben Dutzend Labortechnikern zu, die eng beieinander neben dem großen Labortisch standen.

»Sahib. Kommen sie zu sich«, versuchte der Vorarbeiter, ein Sikh mit rotem Dastar den Briten zu beruhigen. Der aber stolperte mehr als das er ging auf die Gruppe zu. Seine Arme hatte er gierig nach vorne ausgestreckt. Zwei oder drei mutigen Laboranten gelang es sich außerhalb der Reichweite seiner Arme an ihm vorbeizudrücken und schreiend das Labor zu verlassen. Zwei weitere bekam der Sahib jedoch zu packen. Wie Schraubstöcke umschlossen seine Hände die Handgelenke der Männer. Die restlichen beiden wichen bis an die hinterste Wand zurück.

Mani hatte genug. Leise drückte er sich an dem leblosen Körper Harinders vorbei in Richtung Tür. Fest den Blick auf den Rücken des Briten gerichtet, um loszusprinten, falls er sich zu ihm umwenden würde, übersah er die Hand die sich auf seinen Fußknöchel zubewegte. Zu allem Überfluss blieb er auch noch stehen, als zwei weitere Menschen dem Dämon Manusharakshasa zum Opfer vielen. Nacheinander führte der Brite die beiden Handgelenke an seinen Mund und Biss jeweils ein großes Stück Fleisch heraus. Er kaute offenbar jeweils nur kurz auf diesen Brocken herum. Denn mit einem deutlich hörbaren Platsch, fielen sie gleich anschließend auf den Boden.

»Was zur Hölle …?« Sahib Ward war in der Tür aufgetaucht und schaute mit leichenblassem Gesicht auf die Szenerie. Es war genau der Augenblick, als Mani an seinem nackten Fußknöchel eine eiskalte Hand spürte. Erschrocken ging sein Blick nach unten. Harinder war offenbar doch noch nicht so tot wie Mani gedacht hatte. Die Wunde am Hals blutete nicht einmal mehr. Im Gegenteil. Mani konnte deutlich sehen, wie sich darüber eine schwarze Kruste in rasender Geschwindigkeit ausbreitete. Er wollte zu Seite springen, strauchelte aber sofort, weil die eiskalte Hand sich fest um seinen Fuß geschlossen hatte. Er fiel zur Seite und starrte direkt in die gleiche Art von Augen, die er eben noch bei dem Briten gesehen hatte. Trotz seiner Verletzung hatte auch Harinder seinen Mund weit aufgerissen und zog sich immer dichter an Mani heran, der nun kein Halten mehr kannte und verzweifelt um Hilfe schrie. Er strampelte wild mit dem einen Fuß und versuchte Harinder zu treten. Der andere war durch den Klammergriff fixiert und ließ sich nicht einen Millimeter weit bewegen.

Erst als die Zähne Harinders nur noch wenige Zentimeter von Manis Wade entfernt waren, erschlaffte der Griff plötzlich. Der Kopf des am Hals Verletzten sank langsam zu Boden und Mani gelang es sich aus dem Griff zu befreien. Voller Angst, rutschte er rückwärts auf dem Hosenboden immer weiter nach hinten, bis er mit dem Rücken gegen einen der Vitrinenschränke stieß.

6

Tag 1482, Berlin-Spandau, Deutschland

»Buster. Hier her.« Von Anfang an hatten sich seine Freunde einen Spaß daraus gemacht, Buster wie einen Hund zu rufen, wenn sie etwas entdeckt hatten oder etwas von ihm wollten. Irgendwie war das unter ihnen zu einem ’Running Gag’ geworden, aber stören tat ihn das schon lange nicht mehr. Der Name Lutz erinnerte Buster einfach zu sehr an sein altes Leben vor dem Zusammenbruch. Deshalb hatte er sich damals das Alias zugelegt.

Wie alle die jetzt noch lebten, hatte er dabei seine Angehörigen verloren. Zwei Schwestern, Mutter und Vater. Und wenn Dominik nicht müde darin wurde und seinen Spaß dabei hatte – wer war er, dass er ihm das verbieten wollte? Jeder ging mit der Trauer eben auf eine andere Art um.

»Was gibt es denn so wunderbares, Dom.« Buster wechselte aus dem Wohnzimmer der Altbauwohnung, das er gerade untersucht hatte, hinüber zu Dominik, der offenbar das Schlafzimmer nach brauchbaren Dingen untersuchte. Auf dem Bett lagen eng umschlungen die mumifizierten sterblichen Überreste eines älteren Ehepaares. Warum sie nicht zu Zombies geworden waren, war ziemlich deutlich zu erkennen. Im Hinterkopf der Frau steckte ein großes Fleischermesser. Genauso wie im linken Auge des Mannes. Die linke Hand umschloss immer noch den Griff des Messers, dass er sich offenbar selber hineingerammt hatte.

»Wirklich traurig. Und warum rufst du mich? So etwas in der Art haben wir doch nun mittlerweile oft genug gesehen.«

»Mit einem Messer in den Hinterkopf der Angebeteten? Ich hab nur überlegt, ob ich dazu in der Lage sein würde.«

»Ich finde es eher Feige sich so davon zu stehlen. Ein Ausweg findet sich immer. Und wenn nicht, dann soll es halt so sein.«

»Das heißt, du würdest am Ende lieber selber als Zombie durch die Gegend laufen, als deinem Leben rechtzeitig ein Ende zu setzen?«

»Ehrlich gesagt weiß ich das nicht so recht. Ich denke einfach nicht darüber nach, bis es soweit ist. Aber nun lass uns weitersuchen.«

Buster wechselte zurück ins Wohnzimmer. Erfahrungsgemäß konnten auf dem Balkon noch Vorräte liegen. Dieses Haus war schon vor langer Zeit das Ziel von Plünderern gewesen. Deshalb sah die Küche auch aus, als wäre dort eine Bombe eingeschlagen. Was jetzt noch herumlag, war längst verrottet und ungenießbar. Eigentlich war es zurzeit gar nicht mehr notwendig in den Ruinen Berlins irgendwelche Konserven zu suchen. Zwei Jahre, nachdem sie die Spandauer Zitadelle eingenommen hatten – und im näheren Umkreis der VHF-Sender die Zombies keine Gefahr mehr darstellten – waren dort die Lager gut gefüllt. Andererseits konnte es natürlich auch nicht schaden.

Was sie hier taten, diente dazu sich die Zeit zu vertreiben und nebenbei die Stadt dabei systematisch zu durchkämmen. Außerdem sorgten sie gleichzeitig dafür, dass alle noch irgendwo eingesperrten Zombies die Möglichkeit bekamen ihr Gefängnis zu verlassen. Deshalb ließen sie, wo auch immer sie hinkamen, die Türen offen. Über kurz oder lang würden sich diese Einzelgänger einer Horde anschließen um deren Verbleib sich am Ende Dalina kümmern würde. Sie lockte die Untoten in der Regel in die Elbe, die deren Körper irgendwann ins Meer spülte. Mikroorganismen und Fische sorgten dann dafür, dass die Zombies nach spätestens zwei Monaten im Wasser aufhörten Untot zu sein. Dann waren sie nur noch tot. Auf diese Weise hatte Dalina mittlerweile mehrere hunderttausend Zombies aus Berlin herausgeführt. Sie nannte es etwas zynischer – entsorgen.

Buster öffnete die Balkontür. Alleine dass sie verschlossen war, betrachtete er als hoffnungsvolles Zeichen. Aber der zwei mal zwei Meter große Balkon war bis auf einen Haufen verdorrter Topfpflanzen leer. Enttäuscht wollte er sich wieder nach drinnen begeben, im Haus warteten immerhin noch ein Dutzend weitere Wohnungen darauf untersucht zu werden, als er ein merkwürdiges, wohlvertrautes aber lange nicht mehr gehörtes Geräusch vernahm. Sein Blick suchte den Himmel ab und gleichzeitig rief er nach drinnen in die Wohnung.

»Dom. Jetzt komm du mal schnell her. Beeil dich.«

»Was’n los?« Dominik streckte nur die Nase auf den Balkon und folgte dann dem erhobenen Finger von Buster. In ein paar hundert Metern Höhe flog ein großes Passagierflugzeug.

»Wo fliegt der hin? Tegel?«

»Viel wichtiger ist doch, wo kommt der her? Und wer hat die Möglichkeit heute noch so ein Ding in die Luft zu bringen?«