NEOCHRON – Zeitbombe

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9,99 

Zeitreise ins Jahr 1929 – Band 3

Taschenbuch, 266 Seiten, ISBN 152057309X

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Artikelnummer: 9783746030555-1 Kategorie:

Beschreibung

Die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten und somit den 2. Weltkrieg konnte der Zeitreisende Jens Böttger verhindern. Auch wenn er diesen Erfolg am Ende augenscheinlich mit seinem Leben bezahlt hat, weil Amerika seinen eigenen Informanten aus der Zukunft hatte. Jetzt, fast fünfzig Jahre später, steuert alles auf den entscheidenden Höhepunkt zu.

Band 3 der NEOCHRON-Trilogie.

Leseprobe

1

Arthur Böhm nippte an seinem Cognac und dachte lange über die Frage des Journalisten nach. »Inwieweit sich die Ankunft eines Zeitreisenden in ihrer Gegenwart positiv auf die Zukunft ausgewirkt hätte?« Oberflächlich betrachtet empfand er die Frage, als genauso dämlich wie man sie von einem Klatschreporter der einfachsten Sorte erwarten würde. Das Problem dabei war, dass sein Gegenüber eigentlich ein ganz und gar anderes Kaliber darstellte und er vorsichtig sein musste, um nicht etwas in der Intention des Journalisten zu übersehen.

»Wissen Sie«, sagte er, nachdem er die Frage in Gedanken mehrfach erfolglos auf Fallstricke hin untersucht hatte, langsam und mit sarkastischem Unterton. »Sie brauchen doch nur in die Geschichtsbücher der Sekundarstufe II zu schauen. Jeder Abiturschüler darf sich damit ausführlich befassen.«

»Mag sein«, sagte der Journalist. »Mir ging es bei der Frage auch eher um ihre persönliche Einschätzung.«

»Meine persönliche Einschätzung? Wie sollte sich die von der allgemeinen abheben? Als Jens Böttger im Jahr 1929 bei uns gelandet ist, standen wir am Vorabend einer der größten Kriege der Menschheitsgeschichte. Wäre er nicht aufgetaucht hätten 70 Millionen Menschen im Laufe der kommenden 15 Jahre ihr Leben gelassen. Was also sollte ich anderes als froh darüber sein?«

Mühsam erhob er sich aus dem tiefen drehbaren Ledersessel, um sich an der Minibar mit Nachschub zu versorgen. Der hübsch anzusehenden blonden Stewardess mit dem dunkelblauen Kostüm der Deutschen Lufthansa, bedeutete er mit einer abwehrenden Handbewegung, dass er keine Hilfe benötigte. Sie tat erst so, als würde sie schmollen, lächelte ihn aber dann doch freundlich zu.

»Ich bin jetzt 73 Jahre alt und erfreue mich, dem Alter entsprechend, bester Gesundheit. Ich habe zwei erwachsene Töchter, sechs Enkel und eine Urenkelin. Alle sind gesund. Wir leben in einer Zeit des Friedens und des Wohlstandes. Alle werden satt und haben Arbeit. Deshalb noch einmal. Wie sollte sich meine Meinung von der anderer unterscheiden?« Arthur Böhm nutzte seine Erfahrung als langjähriger Vorstandsvorsitzender von NEOCHRON und bewahrte die Ruhe. Den Ärger, den er wegen der Zusage zu diesem Interview langsam verspürte, verbarg er perfekt hinter einer ausdruckslosen Maske der Langeweile.

»Als sie mich so eindringlich um ein Interview gebeten haben, sprachen sie von einer bahnbrechenden Erkenntnis die sie mitzuteilen hätten. Bisher habe ich davon noch nicht all zu viel mitbekommen.«

Arthur Böhm ging wieder zurück zu seinem Sessel und schaute desinteressiert aus dem Fenster des Stratoliners auf die tief unten liegenden Wolken. Vom fast 50 Kilometer unter ihnen liegenden Boden waren nur hin und wieder schwarze und graue Flecken zu sehen. Erst zum Horizont hin wurde die Wolkendecke dünner. Direkt über ihnen funkelten bereits ein wenig die Sterne im tiefen schwarz des Weltraums.

Der Jet gehörte zur neuesten Generation Überschall Fernflugzeuge, die Wissenschaftler von NEOCHRON für die Lufthansa entwickelt hatten. Da NEOCHRON nebenbei auch Hauptanteilseigner der Lufthansa war, verstand es sich von selber, dass man von Zeit zu Zeit diesen Vorteil auch nutzte. Von Rom bis nach Berlin brauchte der Jet schließlich nicht viel mehr als eine Stunde.

Der Grund warum er einen Journalisten erlaubt hatte, ihn auf diesem Flug zu begleiten war allein der Tatsache geschuldet, dass dieser so kryptische Anmerkungen gemacht hatte. Da die Informationspolitik von NEOCHRON in letzter Zeit auch wieder verstärkt in der Kritik gestanden hatte, wollte er die Gelegenheit nutzen und es all den Kritikern beweisen, dass sie nichts zu verbergen hätten. Während seines mehrtägigen Aufenthalts in Rom, wegen einer Sitzung der Zentraleuropäischen Konzerne, war Erich Kern, so hieß der Journalist, immer wieder an ihn herangetreten.

»Marvin Foley!«, sagte Kern plötzlich und Arthur stutzte. Beinahe hätte er sich an seinem Cognac verschluckt.

»Diesen Namen habe ich ja schon fast 50 Jahre nicht mehr gehört«, presste er wenig begeistert heraus.

»Ich habe mir sagen lassen, dass dieser Mann immer noch lebt und sich wohl in ihrem Gewahrsam befindet. Im Gewahrsam eines privaten Unternehmens, wohlgemerkt.«

Arthur stellte den Cognacschwenker in die dafür vorgesehene Mulde auf dem Tisch vor sich und setzte sich etwas aufrechter.

»Im Gewahrsam«, wiederholte Arthur den Kopf schüttelnd. »Das, junger Mann, stimmt definitiv nicht. Und sie sollten sich hüten etwas Derartiges zu verbreiten.«

Kern hatte jetzt seine ganze Aufmerksamkeit. Die Tatsache, dass er den Namen für wichtig hielt, behagte ihm gar nicht. In gewisser Weise war das mit dem ‚im Gewahrsam‘ zwar nicht falsch. Aber eben auch nur die halbe Wahrheit.

Die wenigen Überlebenden der Ereignisse von 1934 hatten damals nicht absichtlich irgendwelche Geheimniskrämerei betrieben. Für so ein durchtriebenes Spiel waren sie alle viel zu sehr geschockt gewesen. Er selbst hatte sich fast ein Jahr lang irgendwohin verkrochen und um seine Freunde getrauert. Zu rationalen Entscheidungen war er gar nicht fähig gewesen. Erst als er sich der Verantwortung gegenüber seinen Patenkindern und, so pathetisch es klingen mochte, Deutschland bewusst wurde, war er wieder aus seinem Schneckenhaus heraus gekrochen. Er war im Besitz des Tablets von Marvin Foley. Er versammelte die Reste von Jens Böttgers Gefolgschaft, belebte NEOCHRON neu und schuf, ganz im Sinne von Jens und Agnes, ein Multinationales Unternehmen das Deutschland zur führenden Weltmacht machte mit der sich niemand getraute sich anzulegen. Die Sowjetunion hatte es versucht und sich eine blutige Nase geholt.

Natürlich hatte es sich nicht vermeiden lassen, dass eine ganze Reihe von Personen Bescheid wussten. Es entsprach aber nicht dem Stil von NEOCHRON, in irgendeiner Form Druck auf Personen auszuüben damit sie die Klappe hielten. Das war gar nicht notwendig gewesen. Schon nach wenigen Jahren war es allgemeiner Konsens, dass die Schuld an dem Vorfall, ausschließlich bei den Amerikanern zu suchen war. Da die andere Seite des Atlantiks auf jeden Kontaktversuch mit Schweigen reagierte, kam dies sowieso einem Schuldeingeständnis gleich. Erst in den letzten paar Jahren wagten sich die Amerikaner wieder, zumindest in wirtschaftlicher Hinsicht, vorsichtig auf das internationale Parkett zurück. Aber der nun fast 50 Jahre zurückliegende Vorfall spielte in der öffentlichen Wahrnehmung kaum noch eine Rolle.

Vielleicht hatte Kern nur irgendwo etwas aufgeschnappt. Vielleicht hatten aber auch die Amerikaner ihre Finger im Spiel.

»Die Prügelei im Büro zwischen Jens Böttger und Marvin Foley«, sagte Kern jetzt vorsichtig, als wäre er selber nicht sicher und grinste erleichtert, als er sah, dass seinem Gegenüber nun doch die Kinnlade herunter viel.

Bei aller Beherrschung derer er fähig war, das war zu viel. Davon wussten keine zehn Personen. Und alle waren engste Freunde oder Familie.

»Herr Böhm, wir setzen jetzt zur Landung an«, sagte die Stewardess leise, als sich zu ihm herunter gebeugt hatte.

»Okay. Dann vertagen wir das jetzt erst einmal. Ich gebe aber gerne zu, dass sie nun doch meine Aufmerksamkeit erlangt haben«, schnaufte Arthur sich mühsam beherrschend. »Bei dem was sie zu Wissen glauben, halte ich es für ratsam, dass wir uns noch einmal in kleiner Runde zusammen setzen.«

Er nickte der Stewardess noch dankend zu, die gerade das leere Cognac-Glas nahm und zu ihrem Platz zurückkehrte, während er sich selbst anschnallte. Seine Gedanken rasten und es tat auch seinem Herz nicht gut. Dennoch brachte er das Kunststück fertig Kern anzulächeln und mit ihn mit dem Kinn auffordernd darauf hinzuweisen sich ebenfalls anzuschnallen.

Die folgenden Minuten bis zu Landung verbrachten sie stillschweigend. Das lag hauptsächlich daran, dass man 50 Kilometer Höhenunterschied nicht mal so eben nebenbei wegstecken konnte. Man musste sich schon ein wenig darauf konzentrieren seinen Mageninhalt auch bei sich zu behalten. Arthur hatte damit weniger Probleme. Es war nicht sein erster Flug mit diesem Flugzeug. Aus halb geschlossenen Augenlidern beobachtete er Kern und versuchte zu ergründen, ob der Journalist ihrem Unternehmen in irgendeiner Form gefährlich werden konnte. Letztlich kam er aber zu dem Schluss, dass er bestenfalls alte Kamellen aufwärmen würde können. Dennoch interessierte er sich dafür woher er seine Informationen wohl haben würde und vor allem was er noch zu wissen glaubte.

»Besuchen sie uns am besten noch heute«, lud er ihn ein, als der Jet vor dem Terminal des Flughafens Tempelhof zum Stehen gekommen war und sie sich darauf vorbereiteten auszusteigen.

»Ich würde sie ja auch gleich in meinem Wagen mitnehmen aber …«, sagte er bedauernd, aber Kern winkte sogleich ab.

»Danke. Ich werde mir zunächst mal eine Unterkunft besorgen, mich frisch machen und ein paar Telefonate führen.« Arthur Böhm vermutete stark, dass er das nur vorschob. Kern hatte schiss und wollte sich Rückversichern. Sehr wahrscheinlich war er sich, bevor er mit dem Namen Foley herausgerückt hatte, gar nicht sicher gewesen, ob die Information wirklich so wertvoll war wie sein Informant behauptet haben würde. Erst seine Reaktion hatte ihm vermutlich klar gemacht das er in ein Wespennest gestochen hatte. Und jetzt hatte er Bedenken, dass er spurlos verschwinden mochte, dachte Arthur bei sich. Angsthase. Dabei hatte NEOCHRON nicht mal ansatzweise den Ruf Leute verschwinden zu lassen. Andererseits zeigte das auch, für wie brisant Kern sein Wissen hielt.

»Na dann sehen wir uns in etwa 2 Stunden, heute Abend, gegen 18 Uhr? Kaiser-Wilhelm-Platz 1. Sie kennen das Gebäude?«

Das war understatement vom feinsten. Es gab vermutlich niemanden auf der Welt, der das Gebäude nicht kannte. Wobei, das Wörtchen Gebäude, traf es ja nicht ganz. Es war eher ein ganzes Konglomerat aus Gebäuden, die alle in irgendeiner Form miteinander verbunden waren. Über 35.000 Menschen arbeiteten und forschten hier rund um die Uhr um NEOCHRON zu verwalten und an der Spitze zu halten. Die Firmenzentrale war zur vermutlich bekanntesten Adresse der Welt avanciert, als sie den Neubau vor 15 Jahren bezogen hatten.

Von oben betrachtet, hatte die Anlage die Form eines geschwungenen großen N – für NEOCHRON. Das Grundstück war nahezu quadratisch, abgesehen vom, dem Kaiser Wilhelm Platz zugewandten, unteren Teil des N, und hatte eine Kantenlänge von fast 1200 Metern. Die einzelnen Gebäude der Anlage bestanden zum größten Teil aus Glas oder Glasblöcken und wurde im Volksmund deshalb auch meistens Kristall- oder Glaspalast genannt. Sechs Jahre hatte man daran gebaut. Die Planungen reichten aber bis in die Zeit nach dem Bombenattentat auf die alte Firmenzentrale in der Dreibundtstraße zurück.

Arthur ging einmal mehr ein Stich ins Herz als er an die Freunde und Opfer dachte, die der verheerende Anschlag Foleys gekostet hatte.

Das neue Gebäude sollte nicht nur die neue Zentrale werden, sondern auch ein Denkmal für die vielen Toten. Einmal im Jahr, exakt zur Uhrzeit des Anschlages, brach sich das Licht der untergehenden Sonne für einige Minuten in den Glasfassaden, so dass die gesamte Umgebung in ein gleißendes rotes und gelbes Funkeln gebadet wurde. Man musste es selbst gesehen und erlebt haben. Filmaufnahmen reichten nicht aus, um das auch nur annähernd wiederzugeben.

»Melden sie sich einfach an der Information an. Ich sorge dafür, dass sie dann zu uns gebracht werden.« Gemeinsam traten sie in den Verbindungstunnel, der vom Flughafengebäude direkt an den Jet geschoben worden war. Nach 25 Metern erreichten sie das Hauptgebäude und ihre Wege trennten sich. Während Kern von zwei Zollbeamten in Beschlag genommen wurde, konnte Arthur Böhm durch einen VIP-Ausgang, bei minimaler Sichtkontrolle, passieren. Ein Fahrstuhl brachte ihn nach unten. Tief unter der Oberfläche des Flughafengeländes gab es einen Tunnel in dem ein kleines offenes Elektrokart samt Fahrer wartete. NEOCHRON hatte es sich einiges kosten lassen einen privaten Anschluss an den Flughafen zu erhalten.

Die 10 Minuten auf der etwa zweieinhalb Kilometer langen Strecke, verbrachte er in Gedanken versunken. Die einschläfernde Wiederholung der immer gleichen Deckenbeleuchtung und das summen ihres Fahrzeugs, tat sein übriges. Als das Kart schon stand und er immer noch keine Anstalten machte auszusteigen, tippte der neben ihn sitzende Fahrer vorsichtig an seinen Arm.

»Herr Böhm, wir sind da!« Arthur Böhm brauchte ein paar Augenblicke um wieder in die Realität zu finden und zu erkennen, wo er war. Er bedankte sich und stieg müde aus dem Zweisitzer und wäre beinahe noch gestolpert, wenn ihn sein gerade angerannt kommender Sekretär nicht gestützt hätte.

»Ich werde alt, Ahmed. Danke!«, sagte er. Die wenigen Meter bis zum Fahrstuhl, der mit offenen Glastüren auf sie wartete, nutzte er um sich zu strecken.

»Ruf Bitte Richard, Paul und Robert an und bringe sie dazu umgehend in mein Büro zu kommen. Versuche es auch bei Bernadette.«

Ahmed nickte erst und wiegte dann nachdenklich den Kopf. »Laut Klatschpresse ist sie zur Zeit noch irgendwo in der Südsee. «

Bei NEOCHRON versuchte man prinzipiell, soweit es möglich war, zu duzen oder jemanden mit dem Vornamen anzusprechen. Auch der jüngste Bürobote durfte Arthur zu ihm sagen. Sie waren schließlich eine große Familie.

Langsam kam wieder etwas von der alten Energie des Arthur Böhm zu Tage. Er schüttelte sich, drückte den Knopf für die oberste Etage und konnte es gar nicht abwarten, dass sich die Türen schlossen. Während Ahmed neben ihm etwas auf seinem Tablet tippte, schaute er bei der Fahrt nach oben durch die gläsernen Wände in die Büros und Konferenzräume. Es gab nur wenige Orte mit einem Sichtschutz. Theoretisch hätte man bis nach draußen schauen können, obwohl sie sich mitten im Gebäude befanden. Es herrschte aber soviel Betrieb, dass einem zumindest in den unteren Etagen, die Sicht letztendlich verwehrt war. Da sich das Gebäude bis zum 60. Stock immer weiter Terrassenförmig verjüngte, bekam er die Gelegenheit erst irgendwo zwischen dem 45. und 50. Stockwerk.

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    andreaskohn

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