NEOCHRON – Tablet-Schach

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Zeitreise ins Jahr 1929 – Band 2

Taschenbuch, 272 Seiten, ISBN 1520475934

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Artikelnummer: 1520475934 Kategorie:

Beschreibung

Jens Böttger ist ein Polizist aus dem 23. Jahrhundert, der mit Hilfe kurzer Zeitreisen schwer lösbare Kapitalverbrechen aufklärt. Bei einem dieser Einsätze verschlägt es ihn über zweihundert Jahre in die Vergangenheit, in das Jahr 1929, zum Vorabend Deutschlands dunkelster Zeit.
Ohne die Möglichkeit, in seine Zeit zurückzukehren, aber mit dem Wissen und der Technik der Zukunft, hat er mit seinen neuen Freunden bereits die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten verhindert.
Doch nun, vier Jahre später, beginnen andere Mächte, ihre finsteren Pläne für die Zukunft umzusetzen.

Band 2 der NEOCHRON-Trilogie

Leseprobe

1

Jens Böttger sah grinsend zu Arthur und Bernhard hinüber die verbissen mit ihren langen Beinen zwischen denen des jeweils anderen nach dem Ball stocherten, ohne dabei einen nennenswerten Vorteil zu erlangen. Da wurde gehakt und geschoben was das Zeug hielt.

»Habt ihr es bald?«, fragte Paul, der aus drei Metern Entfernung ebenfalls grinsend zuschaute und darauf wartete, dass ihm jemand den Ball zuschieben würde.

Eigentlich gehörte Jens gar nicht hier her. Das heißt, er war schon ein Berliner. Auch, wenn sein Geburtsort Falkensee im Moment noch den üblichen Zusatz bei Berlin trug. Der kleine Vorort würde erst, wenn er sich recht erinnerte, im Jahr 2052 eingemeindet werden. Nein, er gehörte nicht hierher, weil er erst im Jahr 2116 geboren werden würde.

In der Zeit zu reisen hatte zwar zu seinem Job gehört. Aber, wieso er über 220 Jahre zu weit in die Vergangenheit versetzt worden war, entzog sich nach wie vor seiner Kenntnis. Es war ihm mittlerweile aber auch egal.

Eigentlich hätte er nur um wenige Wochen versetzt werden sollen, um Beweise für einen verzwickten Mordfall zu sammeln. In seiner Zeit lag die Verbrechensbekämpfung, wie auch die meisten anderen öffentlichen Aufgaben, weitestgehend in privatwirtschaftlicher Hand. Die Staaten delegierten nahezu alle Aufgaben an jene großen Konzerne, die sich auf solcher Art Aufgaben spezialisiert hatten. Das hielt die Verwaltung schlank und sparte Kosten.

Als Kriminalkommissar war er Angehöriger einer Abteilung die streng geheim, kurze Zeitsprünge ausführte, um bestimmte Verbrechen zu beobachten, die es vor Gericht schwer hatten. Vor dem ebenfalls privatisierten Court punkteten die Anwälte dann mit Beweisen, wie Aufnahmen vom Tathergang selbst, dem Auffinden der versteckten Tatwaffe oder ähnlichem und erwirkten so in hundert Prozent der Fälle eine Verurteilung. Die Reisedauer war aufgrund physikalischer Gesetzmäßigkeiten stark eingeschränkt. Durch einen Sprung änderte man die Vergangenheit. Dabei war es egal, wie vorsichtig man war. Eine Rückkehr war aus ebendiesem Grund auch ausgeschlossen. Die Zeit, aus der man kam, existierte nun parallel zu der, die man erst mit seiner Anwesenheit erschaffen hatte. Das war bei einen Zeitraum von wenigen Wochen nicht tragisch. Die Unterschiede durch die Abspaltung der neuen Zeitlinie waren so minimal, dass man diese kaum wahrnehmen konnte. Einige Wissenschaftler behaupteten gar, dass die nur marginal unterschiedlichen Zeitlinien anschließend wieder ineinander flossen. Wie so etwas gehen sollte, konnte aber niemand sagen und Beweise dafür vorlegen schon gar nicht.

Sogar Kontakt konnte die Zentrale mit dem Zeitreisenden aufnehmen. Solange das funktionierte war das dann ein sicheres Zeichen dafür, dass die neue Zeitlinie nur minimal von der ursprünglichen abwich. Immer dann, wenn eine Erweiterung oder Korrektur des Auftrages nötig war, hatte man im Kopf die Stimme eines Operators, der die entsprechenden Befehle übermittelte. Der Operator meldete sich aber auch einfach nur so. Vordergründig um zu plaudern. Jeder Springer wusste aber auch, dass die darin verpackten Informationen später zu Auswertungszwecken auch wieder abgefragt wurden. Antworten konnte man allerdings nicht. Der Kontakt war nur einseitig.

Man ging also in die Vergangenheit, machte seinen Job und hielt sich dann die kommenden Wochen über bedeckt. Um zu verhindern, dass man selbst von da an zweimal existierte, musste das eigene ICH natürlich dennoch in die Vergangenheit geschickt werden, bevor man die Beweise übergab und den nächsten Auftrag bekam.

Bei den ersten versuchen über längere Zeiträume soll es zu der aberwitzigen Situation gekommen sein, dass der Springer plötzlich gar nicht mehr Teil des Programms gewesen war. Oder besser ausgedrückt, gar nicht erst Teil des Programms geworden war. Dem armen Tropf dann nachträglich klar zu machen was ihm jetzt bevorstand, wird wohl auch nicht einfach gewesen sein, hatten alle amüsiert gedacht, als sie davon gehört hatten. Alleine die Frage wie es dann um etwaige Gehalts- oder sogar Pensionsansprüche gegangen wäre, wäre wohl sehr problematisch gewesen. Deshalb wurde recht bald eine der wichtigsten Regeln, nicht über die Dienstzeit hinauszuspringen, aufgestellt. Gegen diese Regel hatte er verstoßen. Wenn auch, unfreiwillig.

Da er weder zurückkehren noch Kontakt aufnehmen konnte, um Bescheid zu sagen: »Hey, mir geht es gut. Macht euch keine Sorgen«, musste er sich mit der Situation wohl oder übel abfinden, was ihm allerdings bisher hervorragend gelungen war. Er hatte seine große Liebe gefunden, sie geheiratet und lebte nun glücklich und zufrieden im alten Berlin der 30er Jahre. Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten hatte er durch sein Wissen um die Zukunft und mit der Hilfe vieler Freunde verhindert. Die NSDAP gab es nicht mehr und der Zeitpunkt ihrer Machtübernahme war inzwischen längst überschritten. Der Weltenbrand in Form des 2. Weltkriegs war somit gestrichen. Hoffentlich.

Langsam begannen bereits die Erinnerungen an sein altes Leben zu verblassen. Den Vorzügen eines hochtechnisierten Lebens trauerte er nicht nach. Warum auch. Er hatte ja alles, was er brauchte. Agnes, Freunde und eine Arbeit die ihn ausfüllte. Er verkehrte und hatte Einfluss in den Kreisen der Wirtschaft, Wissenschaft und Politik.

Es war früher Vormittag und Spätsommer. Ideale Voraussetzungen um sich einfach mal auszutoben. Sie spielten fünf gegen fünf. Alle waren Freunde und Bekannte aus seinem näheren Umfeld.

Da war Arthur. Der junge Mann, den er vier Jahre zuvor am Anhalter Bahnhof vor den weiteren Schlägen eines SA-Trupps bewahrt hatte und sich selbst somit auf den Radar des NS-Oberen Goebbels gebracht hatte. In seinem Schlepptau wie immer Paul, Robert und Bernhard. Er war zwar kein großer Menschenkenner, vertraute aber oft auf sein Bauchgefühl. Die vier wildfremden, sicherlich anständig aussehenden, kaum zwanzig Jahre alten, sympathischen Jungs, hatte er schnell mit der Tatsache vertraut gemacht, dass er aus der Zukunft käme.

Letztendlich hatte sich dieses Vertrauen in sie als der reinste Glücksfall erwiesen. Mit Arthur zusammen, kam er auf der Trabrennbahn Mariendorf mit Richard, der heute nicht hier war wie sonst, und seinen Leuten von der kommunistischen Jugend zusammen. Sie halfen ihnen nicht nur mehrfach, sondern bargen Jens, durch Sturmtruppler verletzt, aus der unmittelbaren Gefahrenzone um ihn und Arthur zur Pflege bei Richards Schwester unterzubringen.

Agnes. Seine Sonne. Sein Glücksstern. Schon als er das erste Mal in das, von goldenen Locken umrahmte, Gesicht gesehen hatte, war es um ihn geschehen. Sie war eindeutig die Liebe seines Lebens. Da es ihr offenbar mit ihm nicht viel anders erging, hatten sie bereits sechs Monate später geheiratet. Für sie war es trotz ihrer jungen Jahre bereits die zweite Ehe. Ihr erster Mann war Kommunist und 1927 bei Straßenkämpfen getötet worden, lange bevor Jens in der Vergangenheit aufgetaucht war. Jens war erst sehr erstaunt über den hohen Lebensstandard gewesen, den Agnes offenbar halten konnte und musste sich sowohl von seinem Schwager als auch von Agnes belehren lassen, dass Kommunist zu sein, nicht heißen musste, dass man arm war. Das war eines der vielen Dinge, bei denen er gelernt hatte, dass sein Wissen über die Geschichte eben aus Büchern stammte und die Realität weitaus vielschichtiger war. Trotzdem er Kommunist war, hatte er halt doch dem gehobenen Bürgertum angehört. Eine Tatsache, die man sehr schnell übersehen konnte, wenn man an Kommunisten dachte.

Zur Erbschaft gehörte darum unter anderem ein kleines Haus nahe der Tempelhofer Attillastraße das Jens und Agnes nun gemeinsam bewohnten.

Ausgestattet mit einem Tablet mit einigen Terabyte Speicher, prall gefüllt mit allen möglichen Büchern, Enzyklopädien, Dokumenten und Filmen, hatte Jens mit seinen neuen Freunde sofort damit begonnen daran zu arbeiten, dass die Zukunft nicht so geschehen würde, wie es darin beschrieben stand.

NSDAP und SA aufhalten. Das war ihr vorrangiges Ziel. Letztlich fügte sich dann relativ einfach alles zusammen. Albert Einstein wurde als renommierter Fürsprecher gewonnen. Emil König, ein berühmter Filmemacher, Regisseur und Kameramann der UfA‑Filmstudios, filmte nur zu gerne einige der Dokumentationen von seinem Tablet ab, nachdem er aus Jens Tablet von seinem eigenen zukünftigen Schicksal als Homosexueller nach der Machtergreifung der Nazis gehört hatte. Und Agnes brachte durch ihre Tätigkeit bei der UfA, um den Film produzieren und in die Kinos bringen zu lassen, die entsprechenden Kontakte bei. Danach ging alles sehr schnell. Hindenburg dankte ab, die NSDAP und ihre Unterorganisationen wurden verboten und Hitler und andere Größen der Partei wegen Volksverhetzung und Anstiftung zu Straftaten in Festungshaft genommen. Nur Goebbels, als prominentestem Mitglied und einigen anderen aus der 2. und 3. Reihe der Führungsriege, war die Flucht in die Schweiz oder anderswohin gelungen. Damit war der Bann gebrochen. Die Zukunft war soweit geändert, wie Jens sich das vorgestellt hatte.

Der Rest der Jungs, auf der Wiese an der Gneisenaustraße, kamen aus dem erweiterten Freundeskreis. Je ein Bruder von Paul und einer von Arthur, einer aus dem Box-Club und zwei von Richards KJVD Genossen, die so Fußball verrückt waren wie kaum jemand anderes.

Jens selbst war nie der große Fußballer gewesen. Seit er aber mit den Jungs, seinen Jungs, wie er sie häufig liebevoll nannte, um die Häuser zog, waren sie zwar in ihrer freien Zeit eher im Box-Verein hinter ihrer Stammkneipe Zum heiligen Roland zu Gange. Gelegentlich aber auch, wenn das Wetter so schön war wie heute, beim Knödeln auf der Wiese.

1929, noch bevor sie geheiratet hatten, gründeten Agnes und er eine Firma mit dem Namen NEOCHRON. Mit dem Wissen aus dem Tablet boten sie Technologieberatung im großen Stil an. In der Regel ließen sie sich dafür mit Teilhaberschaften oder Tantiemen belohnen. Meistens gingen sie dabei selber auf die Firmen zu, wenn sie etwas lohnenswertes im Tablet gefunden hatten. Immer häufiger kamen aber auch Firmen, vor allem durch Mundpropaganda angelockt, auf sie zu. NEOCHRON versprach gezielte Lösungen für alle Art von Problemen. Und in den allermeisten Fällen konnten sie ihr versprechen auch halten.

Das Geschäft florierte vor allem, weil sie mit der IG Farben beziehungsweise deren Ableger, der AGFA, schon von Anfang an einen Großkunden im Portfolio hatten.

Genau konnte es Jens nicht sagen. Es interessierte ihn schlichtweg überhaupt nicht. Aber, mittlerweile saßen sie in gut zwei Dutzend Aufsichtsräten und hatten Aktienanteile in Millionenhöhe erstanden. Das richtig große Geld würde aber vermutlich sogar erst in einigen Jahren fließen, wenn die von ihnen angestoßenen Entwicklungen wirklich im Markt angekommen wären. Ihre Firma würde irgendwann einmal sicher die wertvollste Firma der Welt sein. Aber das war noch Zukunftsmusik. Im Moment war sie, außer einem kleinen Kreis von Kunden und Interessenten, völlig unbekannt.

Trotz des wirtschaftlichen Erfolges wohnten sie nach wie vor in Agnes Haus in Berlin-Tempelhof.

Das Geld, das sie jetzt verdienten, bedeutete weder Agnes noch ihm sonderlich viel. Es reichte ihnen, sich leisten zu können, was man wirklich brauchte. Sie sorgten viel lieber dafür, dass es allen ihnen nahestehenden Personen ebenso an nichts fehlte, in dem sie einfach nur jeden, den sie kannten entweder bei NEOCHRON oder einer Firma, bei der sie Teilhaber waren unterbrachten.

Den weitaus größte Teil des Geldes steckten sie in Stiftungen, die sich mit karitativen Zwecken befassten. Das meiste waren Projekte, die sich um die ärmsten der Armen kümmerten. Sie organisierten die Lebensmittel für die Armenspeisung, bauten Schulen um die Bildung von Unterschichtenkinder zu gewährleisten, finanzierten Frauenhäuser oder ähnlichem. Hin und wieder, wenn sie es für richtig hielten, steckten sie auch den zukünftigen Erfindern deren Erfindungen sie benutzten, Geld zu. Meistens aber versuchten sie diese Menschen, sofern sie bereits an dieser Erfindung arbeiteten, in die Entwicklung zu involvieren.

Vier Jahre waren seit seiner Ankunft im April ’29 vergangen. Vier entspannte Jahre was die Bedrohung durch die Nationalsozialisten für die Zukunft anging. Nicht, dass es aktuell nicht noch nationalistische Tendenzen geben würde. Aber sie beschränkten sich auf die parlamentarische Arbeit und gelegentliche Schmierereien an Hauswänden. Nichts wirklich Besorgniserregendes.

Mehr Sorge bereitete Jens da eher schon der Nationalismus und das Säbelrasseln innerhalb der Reichswehr. Traditionell war die Reichswehr, die als so etwas wie ein Staat im Staate galt, eher dem rechten Flügel der Parteienlandschaft zu geneigt.

Bisher standen die Generäle zwar weitestgehend loyal zu Weimarer Verfassung, auch wenn wegen der Zugeständnisse an den Völkerbund, den Restriktionen bei der gewollten Modernisierung der Reichswehr und die Ableistung der Reparationszahlungen, die im Versailler-Vertrag vereinbart worden waren, immer wieder mal gemurrt wurde. Aber es wäre nicht das erste Mal, dass Militärs irgendwann einmal einfach Nägel mit Köpfen machen würden.

Die Regierung des Deutschen Reiches, die es lieber sah, wenn man Weimarer Republik sagte, hatte es durch geschickte Verhandlungen mit den Alliierten, verstanden, nicht nur ihre Versprechen aus der Vereinbarung einhalten zu können, sondern auch Zugeständnisse erreicht, die sowohl die Außenhandelspolitik verbesserten und erleichterten als auch die Reichswehr weitestgehend zufrieden zu stellen. Es war letzterer zwar immer noch nicht erlaubt zum Beispiel eine Luftwaffe aufzustellen. Aber aus der reinen Berufswehr war im letzten Jahr, durch die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, und damit der Aufstockung auf bisher fast 200.000 Mann, wieder eine richtige Armee geworden. Auch wenn der Prozess, Jahrgang für Jahrgang die Wehrpflicht durchzusetzen, noch einige Zeit dauern würde, war Jens nicht sonderlich begeistert, über diesen Teil der Veränderung seiner Vergangenheit.

Die Argumentation der Regierung für diesen Schritt war simpel. Das Volk an den Waffen garantiere mehr Sicherheit, als die Waffen nur in den Händen von einem Haufen Berufssoldaten, die für Geld alles taten, zu wissen. Das konnte er zwar bedingt nachvollziehen. Aber trotzdem konnte er einem so riesigen stehendem Heer, einfach nur Misstrauen entgegenbringen.

Er wollte sich nach Albert Einsteins Rat richten und den Dingen ihren Lauf lassen. In die Politik mischte er sich deshalb, auch wenn er gekonnt hätte, schon seit geraumer Zeit so gut wie gar nicht mehr ein.

Das war vor vier Jahren noch etwas anderes gewesen. Wie erwartet war Ende 1929 die Weltwirtschaftskrise zunächst über Amerika und dann auch über die alte Welt hereingebrochen. Auch wenn die Kontakte nach dort immer weniger wurden, steckten immer noch sehr viele Dollars, nicht nur in der deutschen Wirtschaft, so, dass die Krise sich hemmungslos ausbreiten konnte.

Die paar Vorsichtsmaßnahmen, die durch Jens Warnungen von der deutschen Reichsregierung vorgenommen wurden, hatten zunächst nur einen marginalen Effekt. Was die Regierung unter Brüning in seiner eigenen Vergangenheit auch unternommen hatte, es hatte nicht funktioniert. Aus dem schier unerschöpflichen Datenbestand seines Tablets hatte er all die vielen Berichte herausgesucht die das Scheitern in der anderen Zeitlinie beschrieben und gleichzeitig auch Lösungsvorschläge und Alternativen aufgezeigten. Durch seine Voraussagen, die so punktgenau eingetroffen waren, gierten förmlich alle, zumindest der Teil der Regierung, der von seiner Existenz und seinem Wissen wusste, nach immer mehr Informationen und er war gerne bereit gewesen zu helfen. Jens Böttger musste sich nicht einmal aufdrängen. Sie kamen zu ihm. Dabei achtete sehr genau darauf, keine Partei übermäßig zu bevorzugen und streute sein Wissen schön gleichmäßig verteilt über alle Flügel. Ab dem Sommer 1930, als die Weichen gestellt waren, und die Unterschiede zu der in seinem Tablet aufgezeichneten Geschichte immer größer wurden, zog er sich immer weiter zurück. Er verkehrte zwar nach wie vor bei gelegentlichen Anlässen mit den politischen Führern der Weimarer Republik, machte aber keine, oder zumindest kaum mehr, Aussagen über die Zukunft.

Er war kein Wirtschaftswissenschaftler, hatte aber alleine durch sein Wissen wertvolle Hinweise geben können. Und was die Regierung daraus machte, schien diesmal langfristig auch zu funktionieren. Statt der fast 40 prozentigen Arbeitslosenquote, mit weit über sechs Millionen Arbeitslosen bis 1936, trat bereits ab Sommer 1932 die Wende bei einem Höchststand von nur 20 Prozent Arbeitslosigkeit ein. Seitdem ging es wieder stetig bergauf.

Natürlich stellte sich durch seine eigene kleine Firma, die Zukunftstechnologie unter die Leute brachte, ein weiterer positiver Effekt ein. Das alleine konnte aber nicht die Ursache sein.

Trotzdem er sich als Ratgeber verabschiedet hatte, änderte das am politischen Klima in der Weimarer Republik glücklicherweise wenig. Agnes hatte behauptet, dass den Politikern noch zu sehr das drohende Unheil, dem sie gerade noch entgangen waren, in den Knochen steckte. Es sprach einiges dafür.

Seit dem Sommer dieses Jahres, herrschte fast so etwas wie Vollbeschäftigung. Etwas das es in der Geschichte wie er sie kannte, nie gegeben hatte.

Also hätte alles prima sein können. Nur dieses merkwürdig beklemmende Gefühl in seinem Magen, das ihn die letzten Monate immer wieder scheinbar grundlos beschlich, wollte ihn einfach nicht los lassen.

Die ganzen letzten vier Jahre hatte er regelmäßig Briefkontakt mit Albert Einstein gehabt, der an der Princeton Universität in New Jersey lehrte. Dass Post für ihn nun nicht mehr per E-Mail in Sekunden ausgeliefert wurde, daran hatte er sich längst gewöhnt. Teilweise vergingen Wochen, bis zu einer Antwort. Diesmal waren es aber jetzt schon mehrere Monate ohne eine Antwort Einsteins. Aber noch mehr beunruhigte ihn die Form und der Inhalt von Einsteins letztem Brief, der ebenso unterschwellig von einer nicht definierbaren Gefahr warnte.

»Mein lieber junger Freund«, hatte er begonnen. »Vielleicht ist ihnen durch die Entfernung zum hiesigen Leben die Divergenz zu dem ihnen bekannten Ablauf der Ereignisse, die sie mir geschildert haben, ja entgangen. Aber merkwürdige Dinge passieren hier und anderswo auf der Welt, die zu erklären selbst mir unmöglich erscheint, ohne dass ich sagen könnte worin die Gründe dafür zu suchen sind. Das vorzeitige Ableben des doch zum Präsidenten bestimmten Mister Herbert Hoover, den ich doch eigentlich zu treffen bestimmt gewesen war, und die Amtsübernahme durch den jetzt allseits geschätzten ehrenwerten Al Smith und seinem Vizepräsidenten John Nance Garner, sind nur die ersten Punkte auf einer langen Liste an Ungereimtheiten, die mir aufgefallen sind und die ich zu ihrer Kenntnis bringen möchte.« Der Rest der vier Seiten Text, die Albert Einstein an ihn geschickt hatte, war mit dicken Tintenstrichen geschwärzt. Ein kleiner Stempel mit »Zensiert durch die Abteilung 4 des Foreign Office der Vereinigten Staaten von Amerika« zierte jede Seite.

Jens musste zugeben, dass er mehr oder weniger mit sich, Agnes, ihrer Firma und der Rettung Deutschlands beschäftigt gewesen war und weniger auf die internationalen Gegebenheiten geachtet hatte.

Nachdem er den Brief erhalten hatte, holte er das umgehend nach und erschrak im Anbetracht der vielen kleinen Ungereimtheiten, wie Einstein sie nannte, die er in Zeitungs- und Wochenschauberichten fand.

Das meiste davon ließ sich sicherlich mit der Änderung des Zeitablaufes in Deutschland hinreichend erklären. Letztlich machte ihn aber die schiere Masse an Änderungen, zu solch einem frühen Zeitpunkt, Bauchschmerzen. Hoover war noch kurz vor seinem zu erwartenden triumphalen Wahlsieg des Hochverrats beschuldigt, verhaftet und kurz darauf bereits hingerichtet worden. Ein in der amerikanischen Geschichte noch nie dagewesener Umstand. Dadurch hatte sein demokratischer Gegner Alfred E. Smith praktisch keinen nennenswerten Gegner und gewann die Wahl haushoch.

Was Jens am meisten daran störte war, dass sich dieser Vorfall bereits Wochen vor seiner Ankunft im März 1929 ereignete. In seiner Antwort an Einstein hatte er ihn gefragt, ob seine Ankunft vielleicht auch Einfluss über diesen Zeitpunkt hinaus, also weiter in Richtung Vergangenheit, gehabt haben könnte. Es musste so sein. Eine andere Erklärung gab es für ihn nicht. Aber auf eine Antwort von Einstein wartete er bis heute.

Ein weiterer Punkt war zum Beispiel auch, wieso die Amerikaner plötzlich und aus heiterem Himmel davon redeten, das Kunststoffe das Leben zukünftig radikal verändern würden. Nur um bereits wenige Wochen später die ersten Produkte Serienreif zu präsentieren.

Und nicht nur, wie es zu erwarten gewesen wäre, eine Bakelit ähnliche Hartplastik-Variante, die aufgrund des Herstellungsverfahrens und der nötigen Inhaltsstoffe hauptsächlich in schwarz oder dunkelbraun, bei etwas kreativer Gestaltung vielleicht auch mal in bunten Farben, dahergekommen wäre. Plötzlich gab es verformbare Kunststoffe, nicht nur in allen möglichen Farben, sondern auch transparent, was ihn am meisten erschreckte. Die Verfahren dazu hätten doch eigentlich noch weitere 5 Jahre unentdeckt bleiben müssen. Damit nicht genug, gab es plötzlich Schaumstoffe zur Dämmung, unzerreißbare Seile, Damenstrümpfe aus Nylon und viele andere Produkte. In der Theorie lag die Erfindung dieser Dinge eigentlich im richtigen Zeitrahmen. In der Praxis hätte eine Serienreife, sprich kostengünstige Massenproduktion, normalerweise noch in weiter Ferne liegen müssen.

Jens war sich nicht sicher, was ihm wohl sonst noch alles an merkwürdigen Innovationen entgangen sein könnte, als ihn die Meldung erreichte, dass auffällig viele bekannte Persönlichkeiten des amerikanischen Lebens unter Hausarrest gestellt wurden, was ihn von da an mehr auf die politischen Gegebenheiten achten ließ. Er vermutete, dass auch Einstein zu diesen Personen gehörte und er deshalb keine Antwort auf seinen Brief bekäme. Aber so sehr er auch nach Informationen suchte, war es unmöglich mehr als nur das übliche rauschen im Blätterwald zu finden.

Eine Redewendung in Einsteins Brief, der Zensur offensichtlich entgangen, bereitete ihm deshalb Kopfschmerzen. »… den jetzt allseits geschätzten ehrenwerten Präsidenten …« Das Wörtchen JETZT deutete Jens dahingehend, dass es einen eher zwanghaften Umschwung in der Ehrerbietung des amerikanischen Bürgers zu seinem neuen Präsidenten gegeben hatte.

Hatte Einstein eine Zensur vorausgeahnt und wenigstens einen unverfänglichen, verklausulierten Hinweis eingebaut?

Als er das in kleiner Runde zum Besten gab, hatten ihn alle mehr oder weniger für paranoid erklärt. Er würde Gespenster sehen, hatten sie gesagt. Und als ein Monat nach dem anderen ins Land zog, ohne dass sich weiter etwas Nennenswertes getan hätte, dachte auch er langsam Hirngespinsten aufgesessen zu sein. Es blieb das etwas mulmige Gefühl im Bauch.

Ansonsten ging alles ganz normal seiner Wege. Agnes hatte zusammen mit ihren beiden Freundinnen, Christine und Melissa, bei der Ufa gekündigt gehabt und verwaltete mit ihnen zusammen ihre Firma, was Jens viel freie Zeit ließ. Nicht, dass er das so gewollt hätte. Agnes hatte ihn mehr oder weniger hinauskomplimentiert und ließ ihn nur bei wichtigen Geschäftsterminen vor Ort antanzen. Alle anderen Anfragen nahm sie selbst entgegen und recherchierte auch höchstselbst im Tablet, ob eine Lösung zur Verfügung stand. Jens hatte sie in die Bedienung einweisen wollen, durfte aber erstaunt feststellen, dass das gar nicht nötig war. Die meisten Möglichkeiten erkannte sie intuitiv. Alles andere probierte sie einfach solange aus, bis sie eine Lösung dafür gefunden hatte.

Da die Existenz und der Wert des Tablets mittlerweile immer weitere Kreise zog, auch wenn sie noch so sehr Vorsicht walten ließen, hatten Jens und Agnes sich zu erweiterten Sicherheitsmaßnahmen entschlossen. Einige waren auf dem Tablet selbst installiert. Zum Beispiel das obligatorische Passwort und eine Sperre, wenn nicht er oder Agnes alle 12 Stunden einen zusätzlichen Passcode eingaben. Nur Richard und die Jungs kannten die Codes, für den Fall, dass ihnen etwas zustoßen würde. Zum anderen beschäftigten sie mittlerweile einen eigenen Sicherheitsdienst. Zumindest innerhalb der Büroräume in der Dreibundstraße war während der Bürozeiten praktisch immer ein Wachschutz anwesend.

Bernhard hatte sich den Ball endlich von Arthur stibitzt und schob ihn vor sich her auf Jens Tor zu, was seine Aufmerksamkeit wieder den aktuellen Geschehnissen zuwenden ließ. Ein richtiger Torwart wäre nun, um die Winkel zu verkürzen, aus dem Tor, dem ballführenden Spieler entgegen gegangen. Aber erstens bestand ihr Tor nur aus zwei kleinen Haufen ihrer Jacken und Oberhemden, die sie in kaum zwei Meter Abstand abgelegt hatten. Und zweitens waren Jens Fähigkeiten einen Ball zu halten sowieso nur rudimentär vorhanden. Insofern rechneten weder er noch ein anderer wirklich damit, dass er den Ball halten konnte. Auf dem Spielfeld hätte er aber durchaus ein noch lächerliches Bild abgegeben.

Ob es nun Jens Glück war, dass Bernhard als erster, abgelenkt von einem tiefen anschwellenden Brummen, nach oben sah und den Ball direkt vor Jens Füße rollen ließ, ohne auf das Tor zu schießen, lässt sich im Nachhinein eher bezweifeln.

Jens kickte den Ball wenig elegant aus dem Torraum in die ungefähre Richtung in der Arthur stand, der aber ebenfalls schräg nach oben starrte. Als die Sonne plötzlich verschwand, weil sich ein großer Schatten zwischen sie und ihnen schob, drehte Jens sich um und ließ seinen Blick dem der anderen folgen. Auf den Anblick, der sich allen bot, hätte er aber liebend gerne verzichtet.

Ein gigantisches zigarrenförmiges, silbrig lackiertes, Luftschiff bewegte sich langsam, aus Osten kommend, über ihren Standort hinweg. Selbst Jens fiel die Kinnlade herunter, als er versuchte die Dimensionen zu erahnen. Überall auf der Parkwiese starrten die Menschen gebannt nach oben.

»Das Ding ist mindestens 200 Meter lang«, rief Paul und hatte Mühe das Brummen der Motoren, das immer noch anzuschwellen schien, zu übertönen.

»Nee, noch viel mehr«, rief Arthur.

Unterhalb des Rumpfes zog sich, etwa von der Mitte an, eine große Gondel über gut ein Drittel der ganzen Länge in Richtung Heck. Am Bug hing eine weitere wesentlich kleinere Gondel an einem Gestänge unterhalb des Rumpfes. Sowohl zwischen den beiden Gondeln und als auch hinter der großen, waren an Auslegern aus Metallstreben insgesamt vier große Motoren mit Propellern angebracht, die für das stetige Brummen verantwortlich waren, das durch Mark und Bein ging. Und zu guter Letzt stachen am Heck vier gigantische Heckflossen nach oben, unten, steuer- und backbord.

Jens riss sich von dem Anblick los und suchte im Stapel der Jacken seine eigene. Sehr schnell wurde er in einer der Innentaschen fündig. Seit Jahren schleppte er seine Brille nun immer mit sich herum, ohne sie jemals wirklich benutzt zu haben. Das war doch mal eine Gelegenheit. Er setzte sie auf, tippte mit dem rechten Zeigefinger in die Nähe des Scharniers des rechten Bügels und zwinkerte zweimal mit den Augen. Dann fixierte er einen Punkt an der Spitze des Luftschiffes das sich soeben um einen Winkel von knapp 45 Grad quer zu ihnen manövrierte. Auf der Seite waren die amerikanischen Stars und Stripes übergroß aufgemalt. Damit wurde die Herkunft des gigantischen Luftschiffes deutlich und klar. Direkt darunter war der Name mit dem vollen Titel des ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten aufgemalt.

GENERAL OF THE ARMIES OF THE UNITED STATES GEORGE WASHINGTON, lass Walther, einer von Pauls älteren Brüdern, laut vor. »Die mussten das einfach so groß bauen, weil der Name viel zu lang ist«, spottete er.

»Brille! Entfernung!«, sagte er laut. »Brille! Länge! Brille! Höhe!«

Während sich Bernhard, Arthur und die anderen langsam um ihn sammelten ohne den Blick von dem Luftschiff abzuwenden, befahl er der Brille immer neue Messungen vorzunehmen, deren Ergebnisse in die Gläser eingeblendet wurden. Zwischen den Messungen zwinkerte er mehrmals wie wild um Fotos und kurze Videosequenzen für eine spätere detaillierte Betrachtung aufzunehmen. Sobald er in die Nähe seines Tablets kam, würden die Daten automatisch überspielt werden. Als sich das Schiff langsam von ihnen entfernte war aber noch nicht Schluss. Direkt dahinter kamen zwei weitere Giganten auf sie zu, um exakt dieselben Manöver durch­zu­führen. Das zweite Schiff hieß schlicht JOHN ADAMS und das dritte JAMES MONROE. Wenn Jens seine Schulbildung nicht trog, waren das die Präsidenten Nummer zwei und fünf oder sechs. Jens wurde schlecht bei dem Gedanken, dass für noch mehr Schiffe dieser Bauart aktuell theoretisch bis zu 30 Namen zur Verfügung standen.

Zu dem Brummen gesellte sich nun auch noch ein lautes Knattern. Entsetzt musste Jens mit ansehen, wie sich oberhalb jedes Luftschiffes ein Helikopter vom Hauptkörper löste. Waren ihm die Luftschiffe noch, trotz ihrer Größe und Zahl, einigermaßen plausibel. Das war technisch auch schon zu Beginn der 1930er Jahre durchaus machbar. Es war einfach nur jemand, mit dem entsprechenden wollen notwendig der das in Auftrag gegeben hätte. Aber die Existenz von Helikoptern, in der Art wie er sie nun in Aktion sah, war vom technischen Entwicklungsstand schlichtweg ausgeschlossen. Wieder machte er eilig ein paar Fotos und Videoaufnahmen. Die Hubschrauber neigten sich in Flugrichtung nach vorne und verschwanden dann sehr schnell aus ihrem Blickfeld.

Nach drei Minuten war das Spektakel auch schon vorbei und Ruhe kehrte ein. Ratlos sahen sich alle der Reihe nach an.

»Ich vermute mal, die fliegen das Flugfeld in Tempelhof an«, meinte Arthur ohne den Blick vom Himmel zu nehmen, obwohl es dort gar nichts mehr zu sehen gab.

»Denke ich auch«, stimmte Jens zu, »Fragt sich bloß was die hier wollen?«

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    andreaskohn

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