NEOCHRON – Eine zweite Chance

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Zeitreise ins Jahr 1929

Taschenbuch, 282 Seiten, ISBN 978-3746030555

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Artikelnummer: 9783746030555 Kategorie:

Beschreibung

Jens Böttger ist ein Polizist aus dem 22. Jahrhundert, der, mit Hilfe kurzer Zeitreisen in seiner eigenen Epoche, schwer lösbare Kapitalverbrechen aufklärt. Bei einem dieser Einsätze verschlägt es ihn über zweihundert Jahre zurück in die Vergangenheit, in das Jahr 1929, zum Vorabend Deutschlands dunkelster Zeit.
Ohne die Möglichkeit, in seine Zeit zurückzukehren, aber mit dem Wissen und der Technik der Zukunft, beginnt er, aktiv diese zu ändern. Er findet Freunde und Mitstreiter, eine neue Heimat und die Liebe seines Lebens. Von da an verändert sich alles.

Band 1 der NEOCHRON-Trilogie

Leseprobe

1

»Hör genau zu. Mach erst einmal nichts. Ich kann mir denken, dass es schwer ist, einer Stimme im Kopf sofort zu vertrauen, von der man nicht weiß, wo sie herkommt. Wir haben vielleicht nur Sekunden, bestenfalls ein paar Minuten. In dieser Zeit muss ich dir alles so schnell wie möglich erklärt haben, damit du in den folgenden Stunden keinen Mist baust. Das ist der einzige Dienst, den wir dir noch leisten können. Übrigens ist die Kommunikation nur in eine Richtung möglich. Fragen stellen kannst du also nicht.« Der Sprecher machte eine kurze Pause, um Atem zu holen.

»Dir wird später nach und nach alles wieder von selbst einfallen. Hab Geduld mit dir. Ich muss dir leider sagen, dass da etwas schiefgelaufen ist. Gewaltig schief sogar! Du bist ein Kriminalkommissar, der normalerweise mit unserer Apparatur nur wenige Tage oder maximal ein bis zwei Monate in die Vergangenheit geschickt wird, um Verbrechen aufzuklären. Solcherart Aufträge hast du bereits in einigen Dutzend Fällen erfolgreich erledigt. Dein Gedächtnisverlust ist eine direkte Folge deines Sprungs durch die Zeit. Die kurze Zeitspanne, die für eine Versetzung normalerweise üblich ist, dient zum einen deiner sicheren Rückkehr und zum anderen einer Minimierung sogenannter Zeitverwerfungen. Jeder Sprung in die Vergangenheit hat eine Abspaltung einer Realität zur Folge. Bei kurzen Sprüngen spielt das praktisch keine Rolle, weil beide Realitäten bis auf Nuancen am Ende identisch sind. Allein durch deine Anwesenheit in der Vergangenheit veränderst du aber die Zukunft. Im Moment ist die Wahrscheinlichkeit, dass deine Zukunft von dir aus gesehen mit unserer Vergangenheit identisch ist, relativ groß. Aber spätestens in der Sekunde, in der du den ersten Käfer zertrittst, spaltet sich deine Gegenwart von unserer Vergangenheit immer weiter ab. Von einem gewissen Punkt an wird unsere Existenz für dich nicht mehr wahrscheinlich sein. Dann sind wir für dich verloren und können dir von hier aus nicht mehr helfen. Worauf ich hinaus will, ist: Deine Zukunft ist ungeschrieben. Im Prinzip kannst du in deiner Zeit jetzt anstellen, was immer du willst. Es betrifft uns nicht. Eine Rückkehr ist aber, wie bei allen Zeitreisen, somit ausgeschlossen. Leider. Was genau schiefgelaufen ist, werden wir erst nach einer gründlichen Analyse der Daten sagen können. Die ersten Vermutungen gehen von einer Einflussnahme aus deiner Jetztzeit aus. Das soll heißen, irgendwer oder irgendetwas ist dort vermutlich nicht so, wie es sein sollte. Klingt verrückt, ich weiß! Aber vielleicht bist du einfach da, weil du da bist. Die Effekte, die Zeitreisen verursachen, erscheinen selten logisch. Durch deine Schulungen und Erfahrungen bist du zwar auf eine Menge Dinge vorbereitet, die dir in unserer Zeit widerfahren können, aber leider gar nicht auf eine Situation wie diese. Wir sollten solch einen Fall wenigstens in der Theorie durchplanen. So, die Tatsache, dass wir immer noch Kontakt haben, beweist uns, dass du dich im Moment noch in Sicherheit befindest und auf mich gehört hast. Um die Zeit zu nutzen, bis der Kontakt abbricht, kann ich jetzt auch ein wenig der Wiederkehr deiner Erinnerungen vorgreifen und dir ein paar Dinge erzählen. Du bist im Jahr 1929, genauer gesagt am 15. April, in Berlin gelandet. Wenn wir das richtig sehen, in den Räumen einer öffentlichen Toilette. Eine vollständige Wiederherstellung deines Gedächtnisses sollte so etwa nach zwei bis zwölf Stunden erreicht sein. Dein Name ist übrigens Jens Böttger. Du bist dreiunddreißig Jahre alt und nicht verheiratet – beziehungsweise nicht mehr – und unseres Wissens aktuell nicht liiert. Du hast keine Verwandten – jedenfalls keine, die du magst. Das waren deine eigenen Worte. Was das für eine Zeit ist, daran wirst du dich schon noch erinnern und deine eigenen Entscheidungen für die Zukunft treffen. Aber …«

Nach dem angestrengten Lauschen der Stimme in den letzten anderthalb Minuten war es ein merkwürdiges Gefühl, als sich plötzlich Stille in seinem Kopf ausbreitete. Bislang hatte er kaum einen eigenen Gedanken gefasst. Das änderte sich jetzt. In seinem Kopf herrschte ein wahrer Veitstanz, als er zu begreifen versuchte, was er gerade erfahren hatte. Die Erkenntnis, dass er nun allein war und niemand ihm helfen würde, verstärkte dieses Gefühl und formte einen Knoten in seinem Bauch. Die Tatsache, dass er nicht sofort in Panik verfallen war, als er sich vor nicht einmal zwei Minuten seiner selbst bewusst geworden war, beruhigte ihn ein wenig. Offensichtlich war er auf Extremsituationen geschult. Vielleicht nicht so, wie sie sich ihm gerade darstellte, aber immerhin.

Der Kontakt war abgebrochen, als sich die Tür hinter ihm geöffnet hatte. Wenn er es richtig verstanden hatte, war der Augenblick, in dem man seiner in der Gegenwart gewahr wurde auch jener, in dem sich seine Zukunft von der ihm bekannten Vergangenheit unterscheiden würde. Vielleicht würde der Mann, der ihm beim Öffnen der Tür kurz überrascht auf den Rücken starrte, durch dieses winzige Zögern später von einem Auto überfahren werden. Vielleicht würde er weniger auf seine Umgebung achten, weil ihm gerade ein anderer Gedanke durch den Kopf ging. Oder wenn er einer der Vorfahren einer der Wissenschaftler wäre, die die Zeitreise erfunden hatten, oder auch nur der Urgroßvater des Hausmeisters des Gebäudes, in dem diese Wissenschaftler forschten, würde alles anders kommen, als es in seiner eigenen Vergangenheit gewesen war.

Diese kleinen Unterschiede wirkten offenbar kumulativ. Irgendwann würde die Summe kleiner Änderungen zu einem Erdrutsch an großen mutieren. Und schließlich würde sich selbst das Weltgeschehen wie er es erlebte, von seiner ursprünglichen Realität unterscheiden. Das war vermutlich ein Grund, warum er sonst wohl nur kleine Zeitsprünge zu absolvieren hatte. Er wusste nicht, in welchem Jahr er gestartet war und hatte somit keinen blassen Schimmer, um wie viele Jahre, Jahrzehnte oder Jahrhunderte es ihn in die Vergangenheit verschlagen hatte. Ohne genau zu wissen, wie er darauf kam, war er sich aber sicher, dass die Abweichungen umso größer wurden, je mehr Zeit die Zeit hatte, sich zu entfalten.

Jens sah im Frisierspiegel über dem Waschbecken auf den Mann, der hinter ihm hereingetreten war. Dieser nickte höflich, sah sich kurz um und verschwand schnell in einer der Kabinen. Jens’ Blick wieder auf sein eigenes Gesicht. Durchschnittlich. Kurze, braune Haare, Seitenscheitel, glatt rasiert, blaue Augen. Vielleicht etwas breitere Schultern als der Durchschnitt. Wie er darauf kam, konnte er nicht sagen, er war sich aber sicher, dass dem so war. Er trug einen braunen Overall, was ihn in dieser Zeit vermutlich eher als Klempner erscheinen ließ. Einen Wechsel der Kleidung setzte er auf seiner gedanklichen Liste ganz nach oben. Er kramte in seinem Gedächtnis, ob sich schon irgendeine Änderung ergeben hatte. Nichts. Null. Nada. Niente.

Er erinnerte sich nicht einmal daran, hier angekommen zu sein. Von einem Augenblick zum anderen hatte er auf weiße Fliesen geblickt, sich nach links gedreht und sich selbst im Spiegel gesehen – ohne sich wiederzuerkennen. Dann hatte die Stimme in seinem Kopf schon zu sprechen begonnen.

Am liebsten hätte er sich sofort mit den Löchern in seinem Gedächtnis befasst und über das nachgedacht, was er erfahren hatte. Erkundet, was er wusste und was nicht. Im Augenblick hielt er es aber für wenig ratsam, sich in diesem Zustand auf ein Gespräch mit anderen einzulassen. Also beschloss er, diesen Ort umgehend zu verlassen. Er würde sich irgendwohin verkriechen. So lange, bis zumindest ein Teil seiner Erinnerungen wiederkam.

Er öffnete die Tür und stand augenblicklich im Freien. Welche Ironie. Er war tatsächlich in einem öffentlichen Toilettenhäuschen gelandet. Vielleicht fünf Meter lang und genauso breit, mit einem roten Spitzdach. Außen wie innen mit beigefarbenen, glänzenden Kacheln gefliest. Er hatte so etwas schon einmal gesehen, da war er sich sicher. Nur wo und vor allem wann, das wollte ihm nicht einfallen.

Erst jetzt fiel ihm auf, wie sehr es darin gestunken hatte. Tief sog er die frischeste Luft ein, die er jemals geatmet hatte. Auch wieder ein Wissen, das er nicht einzuordnen wusste.

Vor ihm lag der Eingang zu einer öffentlichen Parkanlage. Ein breiter Schotterweg markierte die Richtung, in die er sich wenden wollte. Links davon stand ein Zeitungskiosk. Eine kleine Baracke aus Holz, gerade so groß, dass eine einzelne Person darin stehen konnte. Als Auslage steckten und klemmten von außen ringsherum unzählige Zeitschriften, Magazine und Postkarten daran. Und zwischen den ganzen Zeitungen starrte missmutig ein alter Mann mit Walrossbart aus einer kleinen Luke auf die vorbeilaufenden Fußgänger. Ein großer Aufsteller zeigte die aktuelle Schlagzeile der Berliner Zeitung: »US-Präsident Smith schafft Prohibition ab!«

Jens las es im Vorbeigehen. Auf ein Gespräch mit dem Kioskbesitzer war er nicht scharf. Vielleicht gab es irgendwo einen Ententeich mit einer Parkbank, auf der er sich niederlassen konnte.

Er schlenderte langsam den Weg entlang, der gesäumt war von dichten Büschen und hohen Bäumen. Nicht viele Menschen kamen ihm dabei entgegen, aber die, die es taten, sahen ihn interessiert an. Gedanklich setzte er den Kleidungswechsel von höchste Priorität auf allerhöchste Priorität.

Ein kleiner Junge, vielleicht acht bis zehn Jahre alt, mit abgerissener Hose und Jacke, geringeltem Pullover und Schiebermütze kam ihm entgegen, einen Leiterwagen voll mit Milchkannen hinter sich herziehend, die scheppernd immer wieder aneinanderstießen. Vergnügt pfiff er eine Melodie und kickte alle drei bis vier Schritte einen kleinen Stein vor sich her. Beim nächsten Kick blieb der Stein unmittelbar vor Jens liegen. Mehr aus Reflex spielte Jens den Stein wieder zurück.

Erst jetzt bemerkte der Pimpf den entgegenkommenden Spaziergänger und hob den Kopf. Das Gesicht war schmutzig und verschmiert, aus der Nase machte sich gerade ein Tropfen – der Schwerkraft folgend – bereit zu fallen. Noch bevor es dazu kam, wischte sich der Junge mit dem freien Arm einmal quer über das Gesicht.

»Na, na, Meesta, pass uff, wo de hinloofen tust. Dit kann jepfleecht innt Ooje jehn!« Dabei zog er geräuschvoll den nächsten Tropfen nach oben.

Weil Jens kein Wort verstanden hatte, lächelte er und ging weiter. Das kann ja heiter werden.

Schon nach weniger als fünfzig Metern und einem kleinen Linksknick öffnete sich der Weg zu einer großen Wiese, die in einer flachen Senke lag. Der Weg gabelte sich hier und führte rechts und links an der Wiese entlang um die Senke herum. Am Ende der etwa einhundert Meter langen, offenen Fläche verschwand er hinter einer Biegung mit viel Grünzeug. Die Wiese selbst ging in einen steilen Hang über, der auf einen knapp zwanzig Meter hohen Hügel führte. Auf seiner Kuppe thronte so etwas wie ein Denk- oder Mahnmal, einer Burgruine nachempfunden. Auf der Wiese verstreut saßen gut ein halbes Dutzend Pärchen auf ihren Decken, die sie mitgebracht hatten, picknickten oder genossen einfach die Sonnenstrahlen. So richtig warm war es aber nicht. Wahrscheinlich einer der ersten schönen Tage im Jahr.

Auf der gegenüberliegenden Seite der Senke erschien eine Gruppe von sechs oder sieben jungen Burschen. Keiner schien älter als fünfzehn zu sein, alle blond und dürr mit kurzen Hosen, hellen Hemden, langen Socken und derben Schuhen bekleidet. Sie warfen ihre Schulmappen oder mit einem Gürtel gebundene Bücherstapel auf zwei Haufen und schoben einen ledernen Ball, der offensichtlich schon bessere Tage erlebt hatte, zwischen sich hin und her. Das anfängliche Gejohle der Meute reduzierte sich schlagartig, als sie den Polizisten sahen, der mit hinter dem Rücken verschränkten Armen langsam den Weg entlanglief. Jens bezweifelte, dass der Polizist irgendetwas zu den Burschen gesagt hatte. Als Respektsperson hatte dafür vermutlich schon seine Anwesenheit gereicht. Die Jungen schraubten ihre Lautstärke etwas herunter, kickten den Ball aber unbeirrt weiter einander zu.

Bei diesen vielen Menschen allein hier zu sitzen, vor allem mit dieser extravaganten Kleidung, würde wohl sehr auffallen. Also ging er weiter. Er lief am Rand der Wiese entlang, den steilen Hang hinauf. In der Mitte der knapp fünf Meter breiten Rinne wuchs das Gras bereits fast kniehoch, während am Rand ein schmaler Trampelpfad auf den Hügel führte. Im Winter wäre das die perfekte Rodelbahn. Kurz blitzten Bilder aus seiner eigenen Kindheit auf. Er hatte also entweder nicht alles vergessen oder die Lücken füllten sich bereits wieder. Kurz war er versucht, innezuhalten und diese Gedanken weiter zu erforschen. Da er aber befürchtete, nicht mehr genug Aufmerksamkeit für die Umgebung zu haben, verschob er das auf später.

Er empfand es als erstaunlich anstrengend, den Weg zu erklimmen. Nicht, dass ihm schon der Schweiß ausbrach, aber gerade im oberen Teil war der Pfad sehr steil. Verstohlen tastete er seine Muskelpartien an den Armen, dem Bauch und den Beinen ab. Trainiert war er. Seine Arme waren Muskelpakete und die Bauchdecke fühlte sich stahlhart an. Vielleicht war er durch den Transport hierher etwas geschwächt.

Es war tatsächlich ein Mahnmal. Über dem mit einem Eisentor bestückten Eingang stand: »Für unsere Gefallenen im Großen Vaterländischen Krieg« und darunter »1914-18«.

Das Tor stand offen. Vier weitere Steinstufen führten ihn in einen großen Kreis in das Innere des Mahnmals. Knapp zehn Meter Durchmesser, mit einer noch jungen Kastanie in der Mitte. Die Mauer ringsherum war aus Kalksteinbrocken gemauert und fast einen Meter dick. Durch die großen, halbkreisförmigen, etwa drei Meter breiten Fensterbögen hatte er einen wunderbaren Blick in die Ferne. Zwischen den Bögen waren über Kopfhöhe steinerne Tafeln angebracht, auf denen viele Namen mit Geburts- und Sterbedatum eingraviert waren. Der Boden bestand aus festgestampfter Erde. Jens setzte sich gegenüber dem Eingang in eines der Fenster. Um das Mahnmal herum verlief knapp zwei Meter tiefer ein Trampelpfad. Sollte es nötig sein, konnte er sich über diesen Weg sehr schnell entfernen.

Zeit für eine Bestandsaufnahme. Er hatte ein Bein angewinkelt, das andere ließ er baumeln. Dazwischen legte er alle Dinge, die er aus den vielen Taschen seines Overalls kramte. Ein paar Geldmünzen und Scheine, deren Motive und Abbildungen ihm nichts sagten. Eine kleine Tasche mit einem guten Dutzend Plastikkarten, die sich zu einer langen Schlange auseinanderfalten ließ. Auf der Hälfte der Karten war jeweils ein Foto von ihm: ID-Cards. Aber die Bezeichnungen waren ihm im Moment noch völlig unbekannt. Ein Headset, ein kleines Tablet, von dem er im Moment nicht wusste, wie man es einschaltete. Zwei Stifte – zumindest nahm er das wegen ihrer Form und Größe an –, eine Brille und ein Proteinriegel. Da er keinen Hunger verspürte, rührte er ihn noch nicht an. Neben seiner Kleidung und dem silbernen Ring an seinem rechten Ringfinger war das sein gesamtes Hab und Gut. Gestrandet in einer fremden Zeit.

Während er die Dinge wieder in seinen Taschen verstaute und überlegte, ob er verzweifelt sein müsste, horchte er in sich hinein und zuckte ernüchtert mit den Schultern. Noch konnte er sich diese Frage nicht beantworten. Es fiel ihm nicht leicht, sich zu erinnern, denn er wusste nicht, an was er sich erinnern sollte. Rational betrachtet hatte er also auch gar keine andere Wahl gehabt, als der Stimme zu vertrauen, die er in seinen Gedanken vernommen hatte.

Er erwachte abrupt, als sich eine Hand auf seine Schulter legte. Beinahe hätte er das Gleichgewicht verloren und wäre aus dem Fenster die zwei Meter in die Tiefe gefallen.

»Hallo, Freund«, sagte eine raue Stimme direkt neben seinem Ohr. Der Atem zu der Stimme war von Alkohol geschwängert. »Haste mal ’ne Kippe?«

Der ältliche Kerl, der ihn so unsanft aus seinen Träumen gerissen hatte, war ein Obdachloser, wie es ihn vermutlich in allen Epochen gab. Jens entspannte sich und atmete tief durch. Die völlig heruntergekommene Kleidung, der Zwölftagebart und der alkoholgetränkte Atem sprachen eine deutliche Sprache. Gleichwohl waren es die ersten Worte, die er in dieser Zeit von einem Bewohner dieser Zeit an sich gerichtet vernahm. Nein, da war noch der Junge mit dem Leiterwagen gewesen. Aber wenn alle hier dieses fürchterliche Kauderwelsch von sich gaben, hatte er noch einiges vor sich.

»Tut mir leid«, antwortete er und lächelte freundlich, weil er keine Ahnung hatte, was der Mann meinte.

»Na, is ooch nich schlimm«, nuschelte der Stadtstreicher und nestelte an einer seiner Taschen. Er zog eine grüne, eckige Flasche hervor, nahm einen tiefen Schluck und hielt sie Jens unter die Nase. Doornkaat stand in roten Lettern auf dem Etikett.

»’n Schluck?«, fragte er, doch Jens winkte dankend ab. »Bist keen Mann der vielen Worte, wa?«, sagte er und setzte sich Jens gegenüber. »Wat bistn? Een Flieja? Ick meen, wejen die Montur und so.« Er zeigte mit dem Finger auf seinen Körper.

Jens hatte Schwierigkeiten, dem Berliner Dialekt zu folgen und musste die Bedeutung der meisten Worte erst erraten. »Ich bin Fahrzeugmechaniker«, sagte er deshalb kurz angebunden, weil er keinen Schimmer hatte, was ein Flieja war.

Er sah sich den Kerl genauer an. Eine Gefahr stellte er sicherlich nicht dar, aber als Verbündeten, als jemanden, den er ins Vertrauen ziehen konnte, kam er eher nicht infrage. Er hoffte schon, jemanden ein paar Level weiter oben in der sozialen Skala zu finden. Was nicht hieß, dass er ihm nicht dennoch ein paar Informationen entlocken könnte. Je mehr er davon besaß, desto schneller und besser würde er in dieser Zeit zurechtkommen. Große Hoffnung, etwas wirklich Wissenswertes zu erfahren, hatte er allerdings nicht.

Er lauschte erneut in sich hinein, ob sich sein Gedächtnis schon wieder mit irgendwelchem Wissen gefüllt hatte, aber da war nichts, was nicht vorher auch schon da gewesen war. Alles war irgendwie merkwürdig löchrig. Er konnte mit allgemeinen Begriffen schon etwas anfangen. So wusste er zum Beispiel ganz genau, was Schuhe waren. Selbst eine Bombe hätte er vielleicht bauen können. Die dazu nötigen Materialien und die genauen chemischen Bezeichnungen ratterte er im Geiste einmal rauf und runter. Aber wie man das Tablet einschaltete, wann er geboren wurde, aus welcher Zeit er kam oder wie der Name seiner Mutter war, das wollte ihm einfach nicht einfallen. Die Stimme hatte ihm zwar seinen Namen gesagt, einen Bezug dazu fand er im Moment aber noch nicht.

»Was ist heute eigentlich für ein Tag?«, fragte er völlig unverfänglich.

Der Stadtstreicher überlegte. Er überlegte lange. »Dienstag. Oder Freitag? Keene Ahnung.«

Jens grinste in sich hinein. Er fand den Kerl zunächst sogar putzig, bis ihm aufging, dass dahinter natürlich ein Schicksal verborgen lag. Was der Mann erlebt haben musste, um zu dem zu werden, der er war, konnte er sich nicht einmal annähernd ausmalen. Ob dafür Fremd- oder Eigenverschulden vorlag, war ihm dabei im Moment nicht wichtig. Mit Genugtuung registrierte er, dass er so etwas wie einen moralischen Kompass in sich trug.

Aus den unergründlichen Tiefen seiner Taschen zauberte der Alte den kümmerlichen Rest einer Zigarette hervor, die er sich mit einem verbeulten Sturmfeuerzeug anzündete. Mehr als drei oder vier Züge gab sie aber nicht mehr her. »Hab’s uffjejeben. Aber los komm ick von den Kippen nich«, nuschelte er wieder. Mit seinen behandschuhten Fingern, an denen die Fingerkuppen fehlten, fuhr er immer wieder durch seinen zerzausten Kinnbart.

Jens jedoch notierte im Geiste, dass Kippe wohl Zigarette bedeutete, und machte sich auf eine sehr lange Liste an Übersetzungen gefasst.

Eine Weile schauten sie schweigend in die Landschaft. Viel Wald, ein paar vierstöckige Wohnhäuser, die sich zu ihrer Linken um eine große Kirche scharten und zu ihrer Rechten eine Menge kleinerer Häuser um eine zweite, sehr viel kleinere Kirche. Ein paar Hundert Meter weiter verlief eine Bahnlinie quer zu ihrer Sicht. Viel mehr gab es nicht zu sehen. Erst in einigen Kilometern Entfernung wurde die Bebauung deutlich dichter.

»Wie heißt denn die Kirche dort?«, versuchte Jens erneut, ein Gespräch mit dem Mann anzufangen.

»Dit is de Lankwitzer Ki…«

Jens Böttger hörte den Rest nicht mehr. Erst bestürmte ihn eine unglaubliche Menge an Wissen in Form einer schnellen Abfolge von Bildern, Szenen, Wortfetzen und Klängen. Dann wurde ihm schwarz vor Augen und er merkte nicht einmal mehr, wie er nach rechts weg in den Innenraum des Mahnmals kippte.

»Hey, Jungchen! Aufwachen!« Leichte Schläge auf seine Wangen unterstützten die Forderung.

Jens schlug blinzelnd die Augen auf und starrte direkt in das mit Zahnstummeln verzierte, grinsende Gesicht des Stadtstreichers.

»Ah, na endlich! Hätt’st ma doch ’nen Schluck jenommen.«

»Wie lange war ich weg?«, fragte Jens und wollte sich schon aufrichten. Ein Schwindelanfall und die Hand des Stadtstreichers hielten ihn zurück. Benommen schloss er die Augen wieder.

»Nee, bleib ma. Na, vielleicht zehn Minütchen oder so. Moment, ick schau ma nach die Temperatur.«

Während er noch redete, bemerkte Jens eine Veränderung an sich oder besser gesagt in sich. Ihm fielen plötzlich all die Dinge wieder ein, die er vorher vergessen hatte. Den Start mit der Reisekammer, die ihn eigentlich nur fünf Wochen in die Vergangenheit zurückbringen sollte, um für das Gericht Beweise für einen Mordprozess zu sammeln. Die Gesichter seiner Kollegen. Eines davon war das Gesicht von Harry, seinem Operator, der ihn über die ersten zwei Minuten seines neuen Lebens begleitet hatte. Trudy – der Name seiner Mutter. Wie man das Tablet in der Tasche einschaltete. Sein Geburtsdatum. Doch das Erschreckendste war die Erkenntnis, in welcher Zeit er gelandet war. Ausgerechnet am Vorabend des Zweiten Weltkrieges mit Millionen von Toten. Was für eine Scheiße. Das einzig Positive im Moment war, dass es mit der Rückkehr seiner Erinnerungen doch schneller ging als erwartet. Seit seiner Ankunft waren noch keine zwei Stunden vergangen.

»Nee, keen Fiba«, sagte der Alte und nahm die Finger von Jens’ Stirn. »Komm, lehn dir mal an die Mauer! Uffm Boden holste dir sonst noch wat wech!« Er klaubte die Schnapsflasche wieder aus einer seiner Taschen hervor und reichte sie Jens.

Diesmal nahm er sie dankend an und trank einen gierigen Schluck. Er verzichtete sogar darauf, mit dem Ärmel über die Flaschenöffnung zu reiben. »Mann«, sagte er nach dem Absetzen, »der brennt wie Feuer!«, und reichte die Flasche wieder zurück. Einen Hustenanfall konnte er gerade so vermeiden. Ein derberes Zeug hatte er noch nie getrunken.

Während der Alte weiter auf ihn einredete, sortierte Jens seine Gedanken. Nach zwei weiteren Minuten rappelte er sich ächzend auf und lehnte sich im Stehen an die Wand.

»Geht schon wieder, danke«, sagte er zu dem alten Mann. Sein neues, altes Wissen drängte ihn dazu, schnellstmöglich einen sicheren Unterschlupf zu finden, um dieses Wissen in aller Ruhe zu sortieren. »Ich glaube, ich muss jetzt auch los.«

Er überlegte, was er dem Kerl für seine Hilfe noch Gutes tun konnte und dachte sofort an den Proteinriegel. Ein Blick auf die Statur des Mannes bewies, dass er ein paar Kalorien mehr durchaus vertragen konnte. Sein eigener Hunger hielt sich nach wie vor in Grenzen. Allerdings musste er ihm erst noch zeigen, was er mit dem Riegel anzustellen hatte. Aufreißen und reinbeißen. Ein wenig bereute er seinen Entschluss, weil er natürlich nicht bedacht hatte, dass es in dieser Zeit so etwas wie Proteinriegel noch gar nicht gab – schon gar nicht eingewickelt in Plastik. Noch nicht einmal dieses Verpackungsmaterial war erfunden worden.

Zunächst betrachtete er den Riegel argwöhnisch. Erst nachdem er zaghaft daran gerochen hatte, biss der Alte vorsichtig und darauf bedacht, sich nicht noch seine letzten Zähne abzubrechen, in den zähen Mix aus Vollkorn, Honig und Schokolade. Jens trauerte dem Riegel nicht nach. Er wusste, Proteinriegel waren noch nie und würden auch niemals wirklich wohlschmeckend sein. Dem Gesicht des Alten zum Trotz, denn der hatte scheinbar noch nie in seinem Leben etwas Köstlicheres gegessen. Er kaute lange an dem kleinen Stück herum, Jens sah ihm dabei amüsiert zu.

»Gibt es hier in der Nähe so etwas wie ein Pfand- oder Leihhaus?«, fragte Jens den Alten, um die etwas peinliche Stille zu überbrücken.

Der Mann sah ihn erneut mit einem verklärten Gesichtsausdruck von oben bis unten an und wiegte abschätzend den Kopf. »Also, à la bonne heure.« Jens wusste zwar nicht, was der Alte damit sagen wollte, vermutete aber, dass sich das noch auf den Riegel bezog.

»Da warn wa vorhin stehn jeblieben. De Lankwitzer Kirche.« Er zeigte auf den größeren der beiden Kirchtürme. »Da is so ’n Laden. Dit is aber ’n Halsabschneider. Da is eener wie du nich so jut uffjehoben. Is eher wat für meinereiner. Aber wenn de jut zu Fuß bist, dann läufste da mittenmang in de Richtung nach Lichterfelde. Knappe fünf Kilometer oder so immer jeradeaus. De Kaiser-Wilhelm-Straße kannste einfach nich verfehlen. Dann links runter. In die Karlsstraße jibt et ’nen Juwelier für die feineren Leute aus die Villen dahinter. Der kooft ooch Sachen an.« Sein Blick wurde wehmütiger. »Da hab ick ma meinen Hochzeitsring versetzt. Scheint ’n anständijer Kerl zu sein. Hat mir ooch fünf Reichsmark extra jelassen, obwohl er wusste, dat ick mir den Ring wohl nie wiederholen werd.«

Jens tat der Mann zwar leid, aber sein Schicksal ändern konnte er nicht. Oder doch? Er nahm es sich vor. Eine Verbesserung der Lebensumstände für alle Menschen dieser Zeit müsste doch mit seinem Wissen machbar sein. Männer wie dieser Stadtstreicher würden unter der kommenden Regierung kein leichtes Brot haben. Zwangsarbeitseinsätze und Deportierung waren noch die leichter zu ertragenden Aussichten.

»Sagst du mir deinen Namen, alter Mann?«, fragte er.

Der Alte lächelte. »Günter. Aber wat wird dir der nutzen? Willst mir irjendwann wat zukommen lassen, wa? Dann mach, Mann. Bin immer hier!« Grußlos drehte er sich um und setzte sich wieder in einen der Fensterbögen.

Jens überlegte, ob er noch etwas sagen sollte. Als ihm nichts einfiel, zuckte er mit den Schultern und verließ den Innenraum des Denkmals. Es ging langsam auf den Abend zu, und er wollte unbedingt noch etwas Geld eintauschen und neue Kleidung kaufen. Die ungefähre Richtung wusste er, also marschierte er los.

9 Bewertungen für NEOCHRON – Eine zweite Chance

  1. Bewertet mit 3 von 5

    andreaskohn

    Spannende Geschichte – leider steckt das Buch voller Rechtschreibfehler
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  2. Bewertet mit 4 von 5

    andreaskohn

  3. Bewertet mit 5 von 5

    andreaskohn

  4. Bewertet mit 5 von 5

    andreaskohn

    Ein tolles Buch mit neuen, aufregenden Ansätzen zum Thema Zeitreisen
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    andreaskohn

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